Warum der Außenraum ein wichtiger Bildungsort ist

Moin, ich bin Harald. Oder wie die Kinder an meiner Schule sagen: Herr Harald.

Das war nicht so geplant. Als ich im Sommer als Erzieher an einer Grundschule angefangen habe, wurden die Erwachsenen dort sowohl gesiezt als auch geduzt. Ich habe viel ausprobiert und schnell gemerkt, dass ich einfach ein Duzer bin. Nur die Kinder, die bleiben konsequent bei Herr Harald.

„Hallo, Herr Harald.“

„Tschüss, Herr Harald.“

Egal wie oft ich gesagt habe, dass “Harald” völlig reicht. Irgendwann habe ich mich dabei ertappt, eine E Mail mit Herr Harald zu unterschreiben. Und plötzlich war es richtig so.

Ich bin Erzieher, weil ich Kinder in echten Situationen begleiten will. Nicht im Idealen, nicht im Perfekten oder in einem theoretischem Lernraum, sondern im Lebendigen. Und genau darum ist der Außenraum, den ich Draussenraum nenne, für mich nicht nur ein schöner Zusatz, sondern oft der wichtigste Ort überhaupt.

Draußen entsteht echtes Lernen.

Wenn ich mit Kindern arbeite, dann am liebsten mit Werkzeug, Materialien und Aufgaben, die „echt“ sind - Schnitzmesser, Sägen, Hammer, Nägel, Seile, Holz, Pflanzen, Wasser. All die Dinge, die man anfassen, bewegen, ausprobieren und verändern kann. Draußen ist nichts simuliert. Alles hat Konsequenzen. Wenn ein Ast bricht, dann bricht er. Wenn eine Konstruktion hält, dann hält sie. Wenn etwas nicht funktioniert, suchen wir gemeinsam nach einer Lösung.

Ich habe mit Kindern Benjeshecken gebaut, kleine Sitzgruppen aus Baumstämmen angelegt, Feuerstellen eingerahmt und Regenkonstruktionen gespannt. Manchmal entstehen große Projekte, manchmal sind es kleine Reparaturen oder Ideen, die aus dem Alltag heraus wachsen. Immer aber geht es um Selbstwirksamkeit, Verantwortung und die Freude, etwas mit den eigenen Händen zu schaffen.

Vor Jahren bin ich auf das Buch „Mehr Matsch!: Kinder brauchen Natur“ (Andreas Weber, 2012) gestoßen und kurz darauf auf das sogenannte „Brachkonzept“. Zwei Impulse, die mich seitdem nicht mehr loslassen. Die Kernidee ist eigentlich ganz einfach: Kinder brauchen Räume, die nicht fertig sind. Flächen, die sie verändern dürfen, statt Geräte, die sie nur benutzen können.

Andreas Weber: Mehr Matsch! (unbezahlte Werbung, einfach weil es toll ist)

Ich würde jeder Kita lieber zehn Tonnen Muttererde geben als ein neues Klettergerüst. Dazu Schubkarren, Schaufeln, Stöcke, Holz, Steine, Seile und Wasser. Kinder können mit erstaunlich wenig Material erstaunlich viel erschaffen, wenn wir ihnen zutrauen, echte Erfahrungen zu machen.

Rutschen und Schaukeln stehen ohnehin auf jedem Spielplatz. Aber ein Stück „Wildnis“, das nicht angelegt ist, sondern sich entwickeln darf, ist ein pädagogischer Schatz, den wir viel zu selten nutzen.

Warum der Außenraum so stark wirkt, merke ich jeden Tag. Draußen verteilt sich der Lärm. Kinder finden leichter Ruhe. Sie können rennen, ziehen, buddeln und bauen, ohne dass man ihnen ständig Grenzen erklären muss. Ihre Erfolge sind handfest und sichtbar. Ein gespaltener Ast, der genau so werden sollte. Ein Loch, das sie selbst gegraben haben. Eine Plane, die auch beim dritten Regenschauer noch hält.

Der Umgang mit Werkzeug, rutschigem Boden, Höhen oder Wasser trainiert die eigene Wahrnehmung von Gefahr. Nicht durch Verbote, sondern durch Erfahrung und Begleitung. Und wer draußen etwas gestaltet oder pflegt, entwickelt eine ganz natürliche Verbundenheit mit der Umwelt. Das ist nachhaltige Bildung (BNE) im besten Sinne.

Natürlich ist Draußenpädagogik nicht nur romantisches Freispiel. Sie bringt Herausforderungen mit sich. Eltern, die sich Sorgen um Sicherheit machen. Kleidung, die dreckig wird. Teams, die sich fragen, ob sie die Zeit, die Kraft oder die Kompetenz für Werkzeugpädagogik haben. Außengelände, die klein, versiegelt oder wenig inspirierend sind.

Diese Fragen sind normal. Und sie sind lösbar, wenn man sich ihnen gemeinsam stellt. Wichtig sind klare Regeln, gute Vorbereitung und eine Haltung, die sagt: Wir trauen Kindern etwas zu und begleiten sie verantwortungsvoll.

Was dabei oft vergessen wird: Auch für uns Erwachsene ist der Außenraum ein Kraftort. Viele Fachkräfte spüren, wie gut ihnen die frische Luft tut, wie Lärm sich besser verteilt und wie körperliche Aktivität Stress abbaut. Draußen zu arbeiten kann zu einer echten Entlastung werden und wirkt langfristig sogar präventiv gegen typische Belastungen wie Lärm, innere Anspannung und Erschöpfung.

Mandalas, aus dem was wir finden. Meditativ, vergänglich, schön.

In meiner Arbeit mit Teams geht es genau darum. In meinen Workshops wird wenig geredet und viel ausprobiert. Wir gehen selbst raus. Wir sägen, knoten, bauen, schrauben und testen. Und manchmal gibt es Suppe. Die Teilnehmenden erleben am eigenen Körper, wie sich Lernen im Außenraum anfühlt, und wie viel davon schon am nächsten Tag mit kleinen oder sogar gar keinen Mitteln in den Kita Alltag übertragen werden kann.

Es geht nicht darum, große Außengelände zu gestalten oder teure Projekte zu planen ( - kann ich auch, aber das ist ein anderer Bedarf). Es geht darum, mit dem zu beginnen, was da ist, und Kindern echte Handlungsspielräume zu eröffnen - jetzt und hier und sofort.

Ich mache diese Arbeit, weil ich fest daran glaube, dass Kinder Räume brauchen, die sie ernst nehmen und ihnen etwas zutrauen. Weil Lernen draußen nicht weniger wert ist als Lernen drinnen, sondern oft tiefer gehen kann. Und weil es jedes Mal berührt, wie Kinder in solchen Räumen aufblühen, wenn man ihnen die Freiheit gibt, ihre Welt selbst zu gestalten.

Nicht lang schnacken, machen.
Herr Harald

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