Beziehungsgesten statt Lob

Warum kleine Zeichen der Zuwendung in Familie, Team und Alltag so viel bewirken

Manchmal unterschätzen wir, wie sehr kleine Zeichen der Zuwendung unseren Alltag prägen. Beziehungsgesten – also liebevolle, wertschätzende Handlungen ohne Bedingungen – stärken Verbindung, Vertrauen und Zugehörigkeit. Sie wirken in Familien, in Teams und überall dort, wo Menschen zusammenkommen.

Als ich vor über zwanzig Jahren meine kleine Friseurkette führte, habe ich zum ersten Mal erlebt, wie stark echte Wertschätzung Menschen verändert. Ein gelungenes Styling machte Kundinnen glücklich – doch noch beeindruckender war, wie mein Team förmlich aufblühte, wenn sie sich gesehen fühlten. Damals dachte ich, Lob sei der Schlüssel. Heute weiß ich: Es sind die kleinen, ehrlichen Beziehungsgesten, die wirklich tragen.

Inhalt

Heute schon gelobt?

Warum Lob allein nicht trägt

Stattdessen: Beziehungsgesten

Was Beziehungsgesten leisten

Warum Beziehungsgesten wirken

Beispiele

Beziehungsgesten am Arbeitsplatz

Warum Beziehungsgesten uns verändern

Kritik am Lob

Ein Blick nach Innen

Fazit

Sechs kleine Cut-and-Go Friseurläden, die Headclub GmbH, knallpink und vintage gestylt, hatte ich gemeinsam mit einer Friseurmeisterin. Knapp dreißig Mitarbeitende und ein Arbeitsalltag, der oft voll, laut, spaßig und stressig war. Ich übernahm alles, was nichts mit Haaren zu tun hatte. Und doch habe ich, neben ganz viel „How to Make Handwerk“, in dieser Zeit etwas gelernt, das nur indirekt mit Haarschnitten zu tun hatte: Menschen blühen sichtbar auf, wenn sie gesehen werden.

„You made my day!“

Ich erinnere mich an viele Kundinnen und Kunden, die mit glänzenden Augen aus dem Salon kamen. Sie bedankten sich überschwänglich, gaben Trinkgeld, manchmal brachten sie Blumen und sogar kleine Geschenke. Was mich aber am meisten berührt hat, war nicht der Dank selbst, sondern der Effekt auf mein Team. Die Körperhaltung veränderte sich, Menschen standen ein wenig gerader, lächelten mehr, arbeiteten leichter. Wertschätzung wirkte wie ein kleiner Aufwind, der durch den ganzen Laden ging.

Heute schon gelobt?

In den regelmäßigen Mitarbeitergesprächen wurde mir klar, wie wenig ihnen bewusst war, was ich in ihnen sah. Oft staunten sie, wenn ich etwas lobte, das sie selbst kaum wahrgenommen hatten. Also klebte ich mir irgendwann ein Post-it in mein Portemonnaie: „Heute schon gelobt?“ Eine kleine Erinnerung, die sofort wirkte. Je öfter ich mir selbst erlaubte, positive Eindrücke laut auszusprechen oder kurz aufzuschreiben, desto natürlicher wurde es.

Damals dachte ich noch, dass Lob das beste Mittel der Wahl sei. Mein erster Chef hatte es schließlich genauso gemacht. Der Obstkorb am Empfang, der kostenlose Latte, die guten Brötchen (von Grashoff!) bei den Kollektionsbesprechungen – wir fühlten uns wichtig, gebraucht, Teil des Ganzen. Heute weiß ich, dass es weniger um die Belohnung selbst ging, sondern um etwas anderes: das Gefühl, gesehen zu werden.

Warum Lob allein oft nicht trägt

Wenn man sich mit moderner Entwicklungspsychologie und Pädagogik beschäftigt, stößt man auf Kritik am klassischen Lob. Lob ist nicht per se schlecht, aber es hat Tücken.

1. Lob bewertet immer

Auch wenn es positiv gemeint ist, bleibt Lob eine Form von Urteil.

„Das hast du gut gemacht.“ bedeutet automatisch: Ich bewerte, wie gut du warst.

Die Botschaft dahinter ist: Ich entscheide, wann du richtig bist. Das kann Abhängigkeiten schaffen.

2. Lob kann Druck erzeugen

Wer oft gelobt wird, spürt gelegentlich den stillen Auftrag: Mach weiter so.

Es entsteht ein Erwartungsdruck, der sich als Belastung anfühlen kann.

3. Lob verschiebt den Fokus

Statt auf die Eigenerfahrung oder die eigene Freude richtet sich der Blick auf die Bewertung von außen.

„Bin ich gut genug?“ wird wichtiger als „Wie fühle ich mich?“.

4. Lob ist häufig an Bedingungen geknüpft

Leistung, Verhalten, Anstrengung – Lob muss man sich verdienen.

Dadurch wirkt es wie eine kleine Währung.

Und wie bei jeder Währung verändert sich die Beziehung: Sie wird transaktional.

Was wir stattdessen tun können: Beziehungsgesten

Als ich das erste Mal von den Beziehungsgesten in der Theorie der Neuen Autorität (Omer, H., & von Schlippe, A. (2023). Autorität durch Beziehung. Gewaltloser Widerstand in Beratung, Therapie, Erziehung und Gemeinde ff.) hörte, fiel für mich sofort der Groschen. Hier ging es nicht um Erziehung im klassischen Sinne, sondern um Beziehung. Nicht um Kontrolle, sondern um Präsenz. Nicht um Lob, sondern um Verbindung.

Beziehungsgesten sind kleine Zeichen der Zuwendung. Sie sind ein friedensstiftendes Angebot.

Sie sagen:

„Ich sehe dich. Ich bin da. Du bist mir wichtig. Die Beziehung zu dir ist mir wichtig! “

Und das Entscheidende: Sie sind nicht an Verhalten geknüpft.

Was Beziehungsgesten leisten

1. Sie stärken Bindung.

Bindung ist die Grundlage für Vertrauen, Kooperation und Wohlbefinden.

2. Sie geben Sicherheit.

Wer sich gesehen fühlt, muss sich nicht ständig beweisen.

3. Sie wirken entlastend.

Ohne Bewertung, ohne Druck, ohne Bedingungen.

4. Sie fördern echte Beziehung statt Abhängigkeit.

Denn sie sind Ausdruck von Präsenz, nicht von Kontrolle.

Warum kleine Beziehungsgesten so tief wirken

Menschen brauchen Verbindung. Das ist kein psychologischer Trend, sondern ein tief verankertes Grundbedürfnis. Wir fühlen uns sicherer, ruhiger und zugehöriger, wenn wir merken, dass jemand uns sieht – ohne dass wir etwas leisten müssen.

Schon in der Bindungstheorie wird beschrieben, wie wichtig verlässliche Nähe für Entwicklung und Vertrauen ist. Ob im Kindesalter oder später im Arbeitsleben: Menschen reagieren positiv, wenn sie spüren, dass jemand für sie da ist. Das macht nicht abhängig, sondern stabil. Solche Gesten stärken die Verbindung, entspannen Beziehungen und geben Menschen das Gefühl, nicht allein zu sein. Und sie tun beiden Seiten gut – dem Menschen, der sie bekommt, und dem, der sie gibt. Denn Nähe ist kein Verbrauchsgut. Sie vermehrt sich, wenn man sie teilt.

Ein kleiner Gruß einer Freundin 😊

Was Beziehungsgesten sein können

Sie müssen nicht groß sein. Sie müssen nicht perfekt sein.

Sie müssen nur von Herzen kommen.

Ein paar Beispiele:

  • das Lieblingsessen kochen

  • jemanden mit seinem Lieblingsjoghurt überraschen

  • eine Blume aus dem Garten mitbringen

  • eine hübsche Postkarte mit einem kleinen Gruß

  • einen Tee an den Schreibtisch stellen

  • eine kurze Nachricht: „Ich denke an dich.“

  • ein warmer Blick, eine Hand auf der Schulter

  • ein kleines „Ich wollte dir einfach eine Freude machen“

Und immer gilt: Sie sind nicht an Verhalten gebunden.

Selbst Ablehnung ist erlaubt, ohne die Beziehungsgeste zurückzunehmen.

„Du magst gar keinen Schokopudding mehr? Was isst du denn jetzt gern? Ich wollte dir einfach eine Freude machen.“

Es geht nicht um das Puddingessen. Es geht um Nähe.

Beziehungsgesten am Arbeitsplatz

Meine Friseurzeit hat mir gezeigt: Menschen brauchen das Gefühl, gesehen zu werden.

Nicht als Zahnrad, nicht als Funktion, sondern als Mensch.

Dabei geht es nicht um Gratiskaffee oder Obstkörbe.

Es geht darum, dass jemand aufrichtig wahrnimmt:

„Du bist ein Teil von uns. Du bist wichtig.“

Eine einfache Nachricht an eine Mitarbeiterin

„Ich habe gesehen, wie ruhig du heute in dem vollen Laden geblieben bist“

wirkt oft mehr als jedes Lob und jede Bonuszahlung.

Postkarten mit einem kurzen Gruß sind ein Möglichkeit für eine Beziehungsgeste am Arbeitsplatz

Warum Beziehungsgesten uns selbst verändern

Wenn wir Beziehungsgesten geben, passiert etwas Spannendes:

Sie wirken nicht nur beim Gegenüber, sondern auch bei uns selbst.

Wir werden achtsamer.

Wir nehmen mehr wahr.

Wir öffnen uns emotional.

Wir verlangsamen uns für einen Moment.

Wir spüren Dankbarkeit und Nähe.

Beziehungsgesten sind keine Einbahnstraße.

Sie sind ein Mini-Ritual der Menschlichkeit, das beide Seiten stärkt.

Kritik am Lob – und was wir besser machen können

Lob ist nicht grundsätzlich falsch.

Aber es wirkt besser, wenn es beschreibend statt bewertend ist.

Statt

„Du bist so fleißig!“ lieber

„Ich habe gesehen, wie sorgfältig du das gemacht hast.“


Statt „Toll gemacht!“ lieber

„Ich merke, du hast dir richtig Mühe gegeben.“

Doch noch besser als Lob ist oft etwas anderes: eine Beziehungsgeste.

Denn sie sagt ohne Worte:

„Ich bin mit dir in Kontakt – nicht wegen deiner Leistung, sondern weil du mir wichtig bist.“

Ein Blick nach Innen - Welche Beziehungsgesten kennst du aus deiner Herkunftsfamilie?

Vielleicht ein warmes Frühstück am Sonntag.

Ein Apfel, der kommentarlos auf deinem Schreibtisch lag.

Ein Lieblingsgericht, wenn du traurig warst.

Oder auch: vielleicht fehlten solche Gesten und du spürst erst heute, wie wichtig sie sind.

Und welche Gesten gibst du heute weiter?

An deine Kinder?

Deine Partnerin?

Deinen Partner?

Freunde?

Kolleginnen?

Mitarbeitende?


Beziehungsgesten zeigen uns: Nähe ist kein großes Projekt.

Es reicht ein kleiner Moment, um Verbundenheit zu spüren.

Fazit

„Heute schon gelobt?“

Der Satz auf meinem alten Post-it war der Anfang eines Lernprozesses.

Heute würde ich ihn anders formulieren:

Heute schon Beziehung gezeigt?

Denn am Ende wollen wir alle das Gleiche: gesehen werden, dazugehören, Bedeutung spüren.

Nicht über Leistung, sondern über Beziehung.

Vielleicht probierst du es heute aus.

Eine kleine Geste.

Ein warmer Blick.

Ein kurzer Gruß.

Ein Lieblingsjoghurt.

Eine Postkarte.


Und vielleicht siehst du dann, wie jemand ein paar Zentimeter wächst.



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