Neue Autorität und Systemische Präsenz in der Grundschule
Grundschule ist heute weit mehr als ein Ort des Lernens. Sie ist Schutzraum, Integrationsraum, Sprachraum, Konfliktraum und Hoffnungsort zugleich. Lehrkräfte sollen Lesen, Schreiben und Rechnen vermitteln, Demokratie erfahrbar machen und Kinder stark für ihre Zukunft. Gleichzeitig begegnen sie Kindern, die hungrig in die Schule kommen, die wenig Struktur erleben oder Erfahrungen von Flucht, Trennung oder Überforderung mitbringen. Inmitten dieser Anforderungen wächst die Sehnsucht nach einer klaren, tragfähigen Haltung. Wie kann Führung in der Grundschule gelingen, ohne in Machtkämpfe zu geraten? Die Neue Autorität – auch als Systemische Präsenz bezeichnet – bietet hier einen praxisnahen und gewaltfreien Orientierungsrahmen.
Viele Kolleginnen und Kollegen erleben, dass sie nur noch einen Teil ihrer Energie in Unterricht investieren können. Ein großer Teil fließt in Konfliktklärung, Beziehungsgestaltung, Organisation, Dokumentation und Elternkommunikation. Die Aufgaben sind komplexer geworden. Die gesellschaftlichen Herausforderungen sind im Klassenzimmer angekommen.
In dieser Situation entsteht leicht ein Gefühl von Ohnmacht. Was ist noch eine pädagogische Konsequenz? Was ist schon Strafe? Wann hilft eine Suspendierung – und wann verschärft sie das Problem? Wie gelingt Bildungsgerechtigkeit, wenn grundlegende Erziehungsaufgaben immer wieder den Unterricht überlagern?
Systemische Präsenz in der Grundschule – was bedeutet das konkret?
Neue Autorität – auch als Systemische Präsenz bezeichnet – ist ein praxisnaher Ansatz für Schulen, die Klarheit und Beziehung verbinden möchten. Ziel ist nicht mehr Kontrolle, sondern eine tragfähige gemeinsame Haltung im Kollegium, die Konflikte reduziert und Unterricht wieder möglich macht.
Im Schulalltag zeigt sich das zum Beispiel durch:
- sichtbare Zuständigkeit und klare Präsenz im Unterricht und auf dem Schulhof
- Selbstkontrolle statt Eskalation in konflikthaften Situationen
- transparente Absprachen im Kollegium
- Einbindung von Eltern und Netzwerkpartnern
- Wiedergutmachung und Reintegration statt reiner Strafe
Hier setzt das Konzept der Neuen Autorität an, entwickelt von Prof. Dr. Haim Omer und im deutschsprachigen Raum unter anderem von Arist von Schlippe sowie dem IF Weinheim weitergeführt. Am IF Weinheim wird – unter anderem von Dennis Haase – häufig der Begriff Systemische Präsenz verwendet. Gemeint ist keine autoritäre Härte, sondern im Gegenteil eine gewaltfreie, beziehungsorientierte und zugleich klare Form von Führung.
Es geht nicht darum, strenger zu werden.
Es geht darum, standfester zu werden.
Und zwar gemeinsam.
Warum die Arbeit in der Grundschule anspruchsvoller geworden ist
Die Heterogenität in Grundschulen ist enorm. Unterschiedliche Sprachstände, kulturelle Hintergründe, familiäre Belastungen und digitale Einflüsse treffen aufeinander. Kinder bringen sehr verschiedene Erfahrungen mit Regeln, Autorität und Beziehung mit.
Gleichzeitig soll Schule Bildungsgerechtigkeit ermöglichen. Kinder sollen lesen, schreiben, argumentieren, zuhören, Verantwortung übernehmen und demokratische Prozesse verstehen. Doch wenn viel Energie in das Regulieren von Konflikten fließt, bleibt weniger Raum für konzentriertes Lernen.
Viele Lehrkräfte erleben ein Spannungsfeld: Einerseits der Anspruch, jedes Kind individuell zu sehen. Andererseits die Notwendigkeit, die Klassengemeinschaft zu schützen. Genau hier kann Systemische Präsenz Orientierung geben.
Ursprung der neuen Autorität - und warum sie in die Grundschule gehört
Die Neue Autorität wurde ursprünglich vor allem im Umgang mit stark eskalierten Jugendlichen bekannt. Eltern und Fachkräfte suchten Wege aus Ohnmacht und Gewaltspiralen. Gerade deshalb ist es sinnvoll, die Vitamine der Systemischen Präsenz bereits in der Grundschule zu stärken. Hier lassen sich Konfliktmuster früh erkennen und verändern. Hier können Netzwerke aufgebaut werden, bevor Isolation entsteht. Hier kann Reintegration selbstverständlich werden, bevor Ausgrenzung sich manifestiert.
Systemische Präsenz in der Grundschule ist präventive Beziehungsarbeit auf hohem Niveau.
Die sieben Vitamine der Neuen Autorität im Grundschulalltag
Die Neue Autorität beschreibt sieben zentrale Handlungsebenen, oft als „Säulen“ bezeichnet. Ich arbeite im Schulkontext gern, nach Dennis Haase vom IF Weinheim, mit einem anderen Bild: den sieben Vitaminen der Systemischen Präsenz.
Warum Vitamine?
Weil ein einzelnes Vitamin kein System gesund hält. Und weil ein Mangel sich oft erst bemerkbar macht, wenn Belastungen steigen. Ein Kollegium kann sehr präsent sein, aber wenig vernetzt. Es kann klare Regeln formulieren, aber kaum Wiedergutmachung ermöglichen. Es kann engagiert arbeiten und dennoch erschöpft sein, weil Transparenz oder gegenseitige Unterstützung fehlen.
Wie im Körper geht es nicht um Perfektion, sondern um Balance.
In einem Workshop oder in einer Prozessbegleitung schauen wir deshalb gemeinsam:
Welche Vitamine sind bei uns gut versorgt? Wo haben wir ausreichend Stabilität? Und wo zeigt sich vielleicht ein Mangel?
Fehlt es an Transparenz, weil Absprachen nicht verbindlich sind?
Ist das Netzwerk schwach, sodass einzelne Lehrkräfte Konflikte allein tragen? Gibt es klare Werte, aber wenig gelebte Reintegration?
Ein Vitaminmangel ist kein Vorwurf, sondern ein Hinweis.
Und genau hier beginnt Schulentwicklung: nicht mit neuen Programmen, sondern mit einer ehrlichen Bestandsaufnahme. Was stärkt uns? Was schwächt uns? Was können wir konkret tun, um unseren „Vitaminhaushalt“ auszugleichen – und ihn auch in Zukunft im Blick zu behalten?
Systemische Präsenz bedeutet deshalb nicht, eine Methode umzusetzen. Sie bedeutet, als Schule kontinuierlich für die eigene Haltung zu sorgen.
Wenn wir beginnen, unseren schulischen Vitaminhaushalt bewusst zu betrachten, wird schnell deutlich: Manche Vitamine wirken im Hintergrund, andere sind sofort spürbar. Präsenz zum Beispiel ist wie das Grundvitamin jeder Schule. Fehlt sie, wird alles andere instabil.
Und damit beginnt das erste Vitamin.
Vitamin 1: Präsenz und wachsame Sorge
Präsenz bedeutet, sichtbar zuständig zu bleiben. Das beginnt nicht im Konflikt, sondern im Alltag. Eine Lehrkraft, die morgens am Eingang steht und jedes Kind begrüßt, setzt ein Zeichen. Ich gehe nicht vorbei, wenn auf dem Flur geschubst wird. Ich höre nicht weg, wenn auf dem Schulhof abwertende Begriffe fallen. Ich reagiere nicht impulsiv, aber ich bleibe da.
Gerade in der Grundschule entscheidet sich hier viel. Kinder testen nicht aus Bosheit, sondern aus Unsicherheit. Sie suchen Orientierung. Wachsame Sorge heißt deshalb: Wir beobachten Entwicklungen frühzeitig. Wenn ein Kind sich zurückzieht oder zunehmend aggressiv reagiert, warten wir nicht ab, bis es eskaliert. Wir sprechen es an, holen Kolleginnen dazu, beziehen Eltern frühzeitig ein.
Präsenz ist kein Machtmittel. Sie ist Beziehungsangebot und Verantwortungsübernahme zugleich.
Praxisbeispiel 1 – Pause, Beleidigungen, Wegschauen?
In einer dritten Klasse kommt es in den Pausen immer wieder zu abwertenden Bemerkungen. „Du Opfer“, „Geh zurück in dein Land“, „Du kannst ja eh nichts“. Mehrere Lehrkräfte hören es, greifen situativ ein, doch es wirkt wie ein endloses Wiederholen.
In einer Teamsitzung wird entschieden, nicht mehr nur punktuell zu reagieren. Das Kollegium verständigt sich: Abwertende Sprache wird grundsätzlich angesprochen – unabhängig davon, wessen Klasse betroffen ist. Jede Lehrkraft dokumentiert Vorfälle kurz in einer gemeinsamen Übersicht. Die Klassenleitung sucht das Gespräch mit den Eltern – nicht anklagend, sondern transparent: „Uns ist wichtig, dass Ihr Kind Teil einer respektvollen Gemeinschaft bleibt.“
Parallel wird mit der Klasse gearbeitet. Das Thema Würde wird im Morgenkreis aufgegriffen. Die Schule benennt öffentlich: Bei uns wird niemand herabgesetzt.
Nach einigen Wochen verändert sich die Dynamik. Nicht, weil Strafen verschärft wurden. Sondern weil Erwachsene sichtbar zuständig geblieben sind.
Vitamin 2: Selbstkontrolle und Eskalationsvorbeugung
Viele Konflikte eskalieren, weil Erwachsene und Kinder sich gegenseitig hochschaukeln. Systemische Präsenz setzt hier bei der Selbstkontrolle der Erwachsenen an. Ein Satz wie „Ich spreche dich später an“ kann eine ganze Situation entschärfen. Verzögerung ist keine Schwäche, sondern Führung.
Vitamin 3: Unterstützungsnetzwerke und Bündnisse
Isolation verstärkt Ohnmacht. Neue Autorität denkt Schule als Netzwerk. Kollegium, Schulleitung, Schulsozialarbeit, Eltern – alle gehören dazu. Aber auch der Sozialraum: die Gemeinde, Vereine, Nachmittagsbetreuung, vielleicht sogar der Bäcker um die Ecke, der die Kinder kennt.
Gerade in der Grundschule ist die Zusammenarbeit mit Eltern zentral. Bei Sprachbarrieren können Dolmetschende oder vertraute Bezugspersonen helfen. Wichtig ist, frühzeitig in Kontakt zu gehen – nicht erst bei massiver Eskalation.
Praxisbeispiel 3 – Elternarbeit bei Sprachbarrieren
Eine Zweitklässlerin kommt häufig ohne Frühstück. Sie ist unkonzentriert und schnell reizbar. Gespräche mit der Mutter verlaufen schwierig – Sprachbarrieren erschweren den Austausch.
Die Schule aktiviert ihr Netzwerk. Eine Elternvertreterin mit ähnlichem kulturellem Hintergrund unterstützt als Brückenperson. In einem wertschätzenden Gespräch wird deutlich: Die Familie steht unter enormem Druck, beide Eltern arbeiten früh.
Gemeinsam wird eine Lösung gefunden: Das Kind darf morgens am Schulfrühstück teilnehmen. Gleichzeitig wird besprochen, wie Regeln im Klassenraum klar unterstützt werden können.
Das Problem war nicht fehlende Konsequenz. Es war fehlende Verbindung.
Vitamin 4: Protest und gewaltloser Widerstand
Wenn Grenzen überschritten werden, braucht es Klarheit. Gewaltloser Widerstand bedeutet, nicht aggressiv zu reagieren, aber auch nicht aufzugeben. Eine klare Ankündigung, dass bestimmtes Verhalten nicht akzeptiert wird, gehört dazu. Ruhig, bestimmt und beharrlich.
Vitamin 5: Transparenz
Belastende Situationen gehören nicht ins Verborgene. Transparenz im Kollegium und gegenüber den Kindern und Eltern schafft Rückhalt. Klare Absprachen, kurze Dokumentation, regelmäßige Fallbesprechungen, Elterngespräche oder gemeinsame Besprechungen mit den Kinder – all das entlastet einzelne Lehrkräfte. Transparenz bedeutet nicht Bloßstellung, sondern Verantwortungsteilung.
Vitamin 6: Wiedergutmachung und Reintegration
Statt Strafe steht die Frage im Raum: Wie kann Verantwortung übernommen und Beziehung wiederhergestellt werden? Wenn ein Kind andere massiv beleidigt, kann Wiedergutmachung ein moderiertes Gespräch sein. Vielleicht übernimmt es Verantwortung für eine Gemeinschaftsaufgabe.
Suspendierungen bringen kurzfristig Ruhe, lösen aber selten die zugrunde liegende Dynamik. Manche Schulen arbeiten mit alternativen Lernorten im Haus, in denen Kinder begleitet reflektieren können. Ziel ist Reintegration – nicht Ausgrenzung.
Praxisbeispiel 2 – Alternative zur Suspendierung
Ein Viertklässler schlägt in einem Wutanfall einen Mitschüler. Die Diskussion beginnt: Suspendierung?
Stattdessen entscheidet sich das Team für einen alternativen Lernort im Schulhaus. Der Schüler arbeitet für zwei Tage in Begleitung der Schulsozialarbeit. Dort wird das Geschehen aufgearbeitet. Gleichzeitig bereitet er eine Wiedergutmachung vor.
Er schreibt keinen Entschuldigungszettel auf Druck. Er übernimmt Verantwortung: Er hilft dem verletzten Mitschüler eine Woche lang beim Aufräumen des Klassenraums und führt ein moderiertes Gespräch mit ihm.
Die Klasse erlebt: Grenzen sind klar. Gewalt wird nicht akzeptiert. Aber das Kind bleibt Teil der Gemeinschaft. Reintegration ist sichtbar gewollt.
Vitamin 7: Beziehung und Versöhnung
Nach einem Konflikt muss Beziehung wieder möglich sein. Das bedeutet nicht, alles zu relativieren. Es bedeutet, deutlich zu machen: Du gehörst weiterhin dazu. Gerade Kinder mit herausforderndem Verhalten brauchen diese Erfahrung.
Zitat von Haim Omer
Werte als Ausgangspunkt gemeinsamer Haltung
Viele Schulen haben Leitbilder. Entscheidend ist jedoch, ob sie im Alltag spürbar sind. Wenn ein Kollegium sich auf drei zentrale Werte verständigt – etwa Würde, Respekt und Gewaltfreiheit –, braucht es konkrete Antworten: Woran erkennen wir diese Werte im Schulalltag? Was tun wir, wenn sie verletzt werden? Wer sorgt dafür, dass wir dranbleiben?
Systemische Präsenz beginnt mit dieser Verständigung. Sie schafft eine gemeinsame Sprache. Und sie stärkt den Zusammenhalt – gerade in Zeiten hoher Belastung.
Bildungsgerechtigkeit braucht Stabilität
Kinder können nur lernen, wenn sie sich sicher fühlen. Lesen, Schreiben, Rechnen und Demokratieerziehung brauchen Struktur und Verlässlichkeit. Wenn Schule es schafft, Konflikte klar und beziehungsorientiert zu bearbeiten, entsteht wieder Raum für Unterricht.
Neue Autorität ist kein Zusatzprogramm. Sie ist ein Rahmen, der Unterricht möglich macht.
Wie eine Einführung in die Neue Autorität gelingen kann
Ein erster Schritt kann ein halbtägiger oder ganztägiger Workshop zur Neuen Autorität bzw. Systemischen Präsenz sein. Dort werden reale Situationen aus dem Schulalltag bearbeitet, Eskalationsmuster reflektiert und konkrete Handlungsschritte entwickelt. Im Zentrum steht die Frage: Wofür stehen wir gemeinsam ein – auch wenn wir müde sind?
Ziel ist keine Theorievermittlung um ihrer selbst willen, sondern eine Haltung, die am nächsten Tag ausprobiert werden kann.
Wenn Sie an Ihrer Grundschule erleben, dass Konflikte zu viel Raum einnehmen und Unterricht darunter leidet, begleite ich Sie gern bei einem Einstieg in die Neue Autorität – von einem Impulsworkshop über pädagogische Tage bis hin zur Prozessbegleitung. Schreiben Sie mir gerne direkt hier eine Mail und wir verabreden uns zu einem ersten unverbindlichen Kennlern-Telefonat.
Gewaltlos.
Wertschätzend.
Beharrlich.
Und gemeinsam getragen.
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