Konflikte mit Jugendlichen in der Pubertät: Wenn Nähe schwierig wird
Viele Eltern erleben Konflikte mit Jugendlichen nicht als normale Reibung, sondern als Erschütterung. Sie fragen sich nicht nur, wie sie besser reagieren können. Sie fragen sich, ob sie ihr Kind gerade verlieren. Eine Mutter sagte einmal im Coaching weinend: „Ich weiß nicht einmal mehr, ob er mich liebt.“ Dieser Satz bleibt im Raum. Er steht für eine tiefe Not, die selten ausgesprochen wird. Für Eltern, die nachts wach liegen, weil ihr Sohn noch nicht zu Hause ist. Für Mütter, die das Jugendzimmer meiden, weil jede Ansprache in Aggression endet. Für Väter, die im Park bewusst ausweichen, um der Clique der Tochter nicht zu begegnen.
Und dann kommt die Scham. Warum bekommen andere das besser hin? Ist das noch normale Pubertät oder ist das schon „drüber“? Niemand kann mehr gut gemeinte Ratschläge hören. „Das ist nur eine Phase“ hilft nicht, wenn Türen knallen und Verachtung im Blick liegt. Wenn Jugendliche sagen: „Ist mir egal“, trifft das Eltern ins Mark.
Über die Scham von Eltern in Krisensituationen habe ich hier ausführlicher geschrieben.
Konflikte mit Jugendlichen fühlen sich deshalb so anders an, weil sie nicht nur Verhalten betreffen, sondern Beziehung. Und Beziehung ist existenziell.
Warum Konflikte mit Jugendlichen eskalieren
Jugendliche stehen mitten in einem massiven inneren Umbauprozess. Identität entsteht nicht harmonisch. Sie entsteht im Widerstand, im Ausprobieren, im Infragestellen. Was wie Ablehnung aussieht, ist oft der Versuch, ein eigenes Selbst zu formen. Gleichzeitig bleibt das Bedürfnis nach Zugehörigkeit bestehen. Dieses Spannungsfeld erzeugt Druck – und der entlädt sich häufig im Elternhaus.
Viele Strategien, die in der Kindheit funktioniert haben, verlieren jetzt ihre Wirkung. Erklärungen werden als Einmischung erlebt. Kontrolle provoziert Gegendruck. Strafen verstärken Trotz. Feindseligkeit erzeugt Feindseligkeit. Wer gewinnen will, verliert oft Beziehung.
Und dennoch bleiben Eltern verantwortlich. Auch wenn sie erschöpft sind. Auch wenn sie sich abgewertet fühlen. Auch wenn sie Angst haben.
Typische Konflikte mit Jugendlichen in der Pubertät
Es geht selten nur um das, worüber gestritten wird: Schule, Noten, Medienzeit, Alkohol, Kiffen, neue Freundeskreise, nächtliches Wegbleiben – all das sind Stellvertreterthemen. Dahinter stehen Fragen wie: Wer bin ich? Wem gehöre ich? Wie viel Einfluss habt ihr noch auf mich?
Ein Vater berichtete von seinem fünfzehnjährigen Sohn, der immer später nach Hause kam. Gespräche endeten im Geschrei. Die Sorge wuchs: Alkohol, falsche Freunde, Kontrollverlust. Je stärker der Vater drängte, desto konsequenter verweigerte sich der Sohn. Beide fühlten sich ohnmächtig.
In solchen Situationen geht es im Elterncoaching nicht zuerst um Regeln. Es geht um das Befinden der Eltern. Um ihre Stabilität. Um die Frage: Wie bleiben Sie handlungsfähig, ohne in Machtkämpfe einzusteigen?
Was Eltern in Konflikten mit Jugendlichen stärkt
Die Neue Autorität – oder wie ich es lieber nenne: Systemische Präsenz – verschiebt den Fokus. In meinem Elterncoaching bei Konflikten mit Jugendlichen arbeite ich mit den Prinzipien der Systemischen Präsenz und der Neuen Autorität. Es geht nicht darum, Jugendliche zu kontrollieren. Es geht darum, als Eltern präsent zu bleiben. Klar. Beharrlich. Beziehungshaltend.
Haim Omer und Arist von Schlippe formulieren es so (2004): „Wir kämpfen um dich und um unsere Beziehung zu dir – nicht gegen dich.“ Dieser Perspektivwechsel ist zentral. Eltern geben ihre Verantwortung nicht ab. Aber sie geben den Machtkampf auf. Mehr über das Konzept der Neuen Autorität habe ich in diesem Artikel geschrieben.
Das bedeutet konkret: Sie prüfen ihre Werte. Was ist wirklich nicht verhandelbar? Sicherheit. Würde. Respekt. Schulbesuch. Und was ist zwar unerfreulich, aber vorübergehend tolerierbar? Beispielsweise Unordnung im Zimmer, weniger gemeinsame Mahlzeiten, viel unterwegs sein, Musikgeschmack, ein Outfit, dass ich befremdlich oder hässlich finde. Mithilfe der sogenannten „Drei-Körbe-Übung“ wird unterschieden zwischen dem, wofür es sich zu kämpfen lohnt, und dem, was losgelassen werden darf.
Eine Mutter entschied nach dieser Klärung, den täglichen Streit über das Chaos im Zimmer zu beenden. Stattdessen konzentrierte sie sich auf das Thema nächtliche Abwesenheit und Alkohol. Die Atmosphäre entspannte sich leicht. Nicht perfekt. Aber spürbar.
Dubai-Crossis gebacken - sehr süß, sehr lecker 😊
Darf ich mein jugendliches Kind noch verwöhnen?
Viele Eltern fragen sich, ob Nähe jetzt noch „erlaubt“ ist. Ob sie sich lächerlich machen, wenn sie den Lieblingspudding mitbringen, obwohl stapelweise Geschirr im Zimmer steht. Die Antwort lautet: Ja, Sie dürfen Beziehung pflegen. Gerade dann. Selbst wenn es plötzlich heißt: „Den mag ich nicht.“ Die Geste zählt trotzdem. Tut es weh, ja, aber lassen sie es durchs andere Ohr wieder raus und wenn sich die nächste Gelegenheit bietet, ein positiver Gedanke “Das würde ihr gefallen"! Das muss ich ihm zeigen” - tun Sie´s! Nicht übertreiben und nicht nerven 😅, aber - tun Sie´s!
Jugendliche zeigen oft Gleichgültigkeit, wo sie innerlich unsicher sind. Ein ruhiges „Ich denke an dich“ wirkt langfristig stärker als jede Moralpredigt. Beziehungsgesten sind keine Kapitulation. Sie sind Investition. Hier habe ich über mögliche Beziehungsgesten geschrieben.
Und wenn es schiefgeht?
Was, wenn der Schulabschluss gefährdet ist? Wenn Alkohol zur Gewohnheit wird? Wenn Kontakte destruktiv erscheinen? Dann endet Verantwortung nicht. Eltern dürfen Unterstützung holen. Familie, Schule, Beratungsstellen, therapeutische Begleitung. Präsenz heißt auch: Ich bleibe nicht allein.
Manche Entwicklungen nehmen Wege, die Eltern sich niemals gewünscht hätten. Nicht jede Geschichte endet glatt. Aber viele junge Erwachsene greifen Jahre später auf einen inneren Rucksack zurück, der in Kindheit und Jugend gefüllt wurde. Werte, Haltung, Beziehungserfahrungen verschwinden nicht spurlos.
Und selbst wenn Zweifel bleiben, darf ein Satz stehen: Ich habe meine Verantwortung übernommen. Es ist meine Verantwortung und es ist meine Pflicht. Und ich habe alles getan, alles getan was ich konnte. Ich bin geblieben. Ich habe nicht aufgegeben.
Eine Mutter hat mir mal erzählt, dass der Jugendtherapeut ihres Kindes sich bei ihr bedankt hat, für ihren Einsatz, ihre Ideen, ihr Engagement. Das war gut. Aber in dem Moment konnte sie es gar nicht richtig annehmen, sie hat geantwortet: Ich hatte keine Wahl.
Wann Unterstützung sinnvoll ist
Wenn Angst größer wird als Vertrauen. Wenn Gespräche vollständig abbrechen. Wenn Gewalt, massive Selbstgefährdung oder Suchtverhalten im Raum stehen, dann braucht es Unterstützung. Nicht, weil Eltern versagt haben. Sondern weil Situationen komplex sind und niemand sie alleine tragen muss.
Elterncoaching bedeutet in dieser Phase nicht, Jugendliche zu analysieren oder zu „reparieren“. Es bedeutet, Eltern zu stabilisieren. Eine gefährdete Bindungsbeziehung wieder handlungsfähig zu machen. Präsenz aufzubauen, wo Rückzug droht. Transparenz herzustellen. Unterstützung zu aktivieren. Öffentlichkeit im Sinne der Neuen Autorität zu nutzen: Familie, Schule, Beratungsstellen, Freundeskreis – ein Netzwerk, das mitträgt.
In der konkreten Arbeit geht es oft um sehr praktische Schritte. Nicht jedes Wort persönlich zu nehmen. Grenzen klar und respektvoll zu kommunizieren, ohne Drohkulisse. Gespräche auf Augenhöhe zu führen – auch wenn man innerlich verletzt ist. Rückzug nicht sofort als Liebesentzug zu interpretieren. Konflikte nicht gewinnen zu wollen, sondern Beziehung zu erhalten. Und ganz bewusst auch jenseits der Probleme Verbindung zu schaffen – durch kleine Gesten, gemeinsames Lachen, ein Lieblingsessen, eine Nachricht zwischendurch.
Diese Haltung wirkt nicht spektakulär. Aber sie wirkt langfristig.
Konflikte mit Jugendlichen sind keine Randerscheinung. Sie gehören zur Entwicklung. Doch sie dürfen Eltern nicht isolieren und nicht in Scham erstarren lassen. Nähe wird schwieriger – aber sie verschwindet nicht. Sie verändert sich.
Und vielleicht bleibt am Ende dieser Satz stehen:
Ich bin geblieben. Ich habe Verantwortung übernommen. Ich habe alles getan, was mir möglich war.
Wenn Sie sich in diesen Zeilen wiederfinden und merken, dass Sie Ihre Kraft zurückgewinnen möchten, begleite ich Sie gerne. In einem geschützten Rahmen schauen wir gemeinsam auf Ihre Situation, Ihre Werte und Ihre Handlungsmöglichkeiten. Schreiben Sie mir gerne hier direkt eine Mail und ich melde mich bei Ihnen zu einem unverbindlichen Kennlern-Telefonat. Hier finden sie meine Angebote.
Sie müssen da nicht alleine durch.
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