Raus aus der Scham – Warum so viele Eltern heimlich leiden

Es gibt einen Satz, den ich im Elterncoaching immer wieder höre – leise ausgesprochen, fast entschuldigend:

„Ich schäme mich so.“

Nicht wegen eines kleinen Fehlers. Nicht wegen eines lauten Wortes.

Sondern wegen des Gefühls, als Mutter oder Vater versagt zu haben.

“Ich schäme mich für mein Kind, für das Verhalten meines Kindes. Ich schäme mich sogar für den Gedanken: Was denken die Nachbarn, die Freunde, die Lehrer? Und vor allem schäme ich mich vor meinem Kind.” Diese Scham bei Eltern bleibt oft verborgen und isoliert.

Scham bei Eltern – kurz erklärt

Scham bei Eltern entsteht häufig, wenn die eigenen Werte und die Realität im Familienalltag stark auseinanderklaffen. Sie betrifft nicht nur das Verhalten des Kindes, sondern das Selbstbild als Mutter oder Vater. Unausgesprochene Scham führt oft zu Isolation – und genau diese Isolation verstärkt Konflikte.

Typische Anzeichen für die Schamblockade bei Eltern:

  • Rückzug
  • Selbstzweifel
  • Angst vor Bewertung
  • Vermeidung von Unterstützung

Scham verschwindet nicht durch Perfektion – sondern durch Präsenz und Offenheit.

Es kann sehr hilfreich für Eltern sein, wenn sie erfahren, dass es auch andere Eltern gibt, die Scham empfinden. Es ist ein Tabuthema und niemand möchte sich die Blöße geben. Dabei kann genau diese Offenheit, die Überwindung und Mut braucht, zu Erleichterung führen. Ein Schritt aus der Erschöpfung und der Lähmung durch Hilflosigkeit.

Scham bei Eltern: Die Diskrepanz zwischen Ideal und Realität

Viele Eltern starten mit klaren Werten, sie haben eine Vorstellung davon, wie sie als Eltern sein möchten - entweder weil sie es selbst so erlebt haben, oder gerade, weil sie es anders machen wollen, als ihre eigenen Eltern: Ich will liebevoll sein. Geduldig. Respektvoll. Auf Augenhöhe.

Und dann kommt die Realität.

Ein Kind, das schreit.
Ein Jugendlicher, der Türen knallt.
Schulverweigerung.
Aggression.
Beschimpfungen.

Und plötzlich erleben sich Eltern ganz anders:

laut
wütend
überfordert
hilflos

Die innere Stimme sagt:

„So wollte ich nie sein.“

Diese Diskrepanz tut weh und sie verunsichert. Immerhin wird hier an den Grundwerten der Familie gerüttelt. Oft ist diese Scham der Eltern auch eine Chance, vielleicht das erste Mal diese Werte auf den Prüfstein zu stellen. Welche Werte habe ich, welche Werte haben wir als Eltern? Welche sind vielleicht doch nicht so wichtig, aber welche 1-3 Werte sind für uns unumstößlich, sind unser Fundament?

Warum Scham Eltern isoliert

Scham ist ein starkes Gefühl. Sie führt dazu, dass Eltern:

  • weniger darüber sprechen

  • sich zurückziehen

  • keine Hilfe holen

  • versuchen, „es allein zu schaffen“

Und genau das verschärft die Situation. Diese Isolation schwächt die Autorität der Eltern. Das kann zu einem Gefühl der Hilflosigkeit führen, dann vielleicht zu Rückzug und sogar zu depressiven Verstimmungen und Schwierigkeiten in der Paarbeziehung.

Scham ist ein Gefühl, dass manchmal mit körperlichen Schmerzen vergleichbar ist. Im Elterncoaching frage ich Eltern nach ihrer Schmerz- bzw. Schamskala von 1-10. Und das ist oft ein bewegender Moment. Plötzlich steht eine Messzahl im Raum, die es mir selbst verdeutlicht, die ich mit der Zahl meines Partner, meiner Partnerin vergleichen kann - empfindest du genauso? Ganz anders? Das habe ich nicht gewusst…

Nicht das Kind ist das größte Problem. Nicht einmal das Verhalten.

Sondern die Einsamkeit, die entsteht.

Wenn starke Kinder starke Gefühle auslösen

Vielleicht haben Sie ein sehr willensstarkes Kind.
Oder einen Jugendlichen, der massiv provoziert. Abwertungen. Augenrollen. „Du hast mir gar nichts zu sagen.“

Solche Situationen lösen etwas in uns aus:

  • Ohnmacht

  • Wut

  • Kränkung

  • Angst

Und manchmal reagieren wir impulsiv.

Später kommt die Scham.

Ich kann das gut nachvollziehen. Es gibt viele Eltern die Angst vor ihrem Kind haben. Es gibt Eltern, die trauen sich seit Jahren nicht in das “Kinderzimmer” zu gehen.

Starke Kinder bringen uns an unsere Grenzen.
Das bedeutet nicht, dass Sie keine „guten Eltern“ sind.
Es bedeutet, dass Sie in einer belastenden Situation stehen.

Neue Autorität: Ein Weg zurück zu den eigenen Werten

Die Neue Autorität – oder wie ich lieber sage: Systemische Präsenz – beginnt nicht beim Kind. Sie beginnt bei Ihnen.

Sie fragt nicht:

„Wie kontrolliere ich mein Kind?“

Sondern:

„Wie bleibe ich in meiner Haltung, auch wenn es schwierig wird?“

Das verändert alles.

In meinem Artikel “Was ist Neue Autorität und gewaltloser Widerstand für Eltern und Fachkräfte?” erkläre ich ausführlich die Entstehung und die Grundsätze der Neuen Autorität und des Gewaltlosen Widerstandes.

Präsenz statt Perfektion

Systemische Präsenz bedeutet nicht:

  • immer ruhig sein

  • nie Fehler machen

  • alles richtig machen

Sie bedeutet:

  • Verantwortung übernehmen

  • sich nicht in Machtkämpfe hineinziehen lassen

  • Unterstützung holen

  • beharrlich bleiben

Und vor allem:

Fehler dürfen passieren. Sie dürfen sich entschuldigen. Sie dürfen korrigieren. Sie dürfen neu beginnen. Im Elterncoaching haben wir die Grundhaltung, dass jede und jeder das ihm oder ihr Bestmögliche tut. Und man kann jeden Tag neue Entscheidungen treffen. Wie genau sich Präsenz, Beziehung und Führung zu einander verhalten beschreibe ich hier.

Das Ende des Einzelkampfs

Viele Eltern glauben:

„Ich muss das allein schaffen.“

Wir selbst sind oft mit den Glaubenssätzen aufgewachsen: “Das gehört nicht in die Öffentlichkeit. Das bleibt in der Familie. Das geht niemanden etwas an.”

Doch die Neue Autorität sagt:

„Es braucht ein ganzes Dorf.“

Die Scham verhindert, dass wir dieses Dorf aktivieren. Aber genau hier beginnt Veränderung - den Mut haben, sich Luft machen, endlich eingestehen und den Schritt in die “Öffentlichkeit” wagen.

Ein Gespräch mit einer Freundin, ein Austausch mit anderen Eltern, ein professionelles Coaching oder eine Lehrerin, die ins Boot geholt wird.

Unterstützung ist kein Zeichen von Versagen. Sie ist ein Zeichen von Verantwortung sich selbst und seinem Kind gegenüber.

Wie Scham die Paarbeziehung belastet

Belastende Situationen mit Kindern wirken oft direkt auf die Partnerschaft. Eltern sind angestrengt, erschöpft, hilflos und überfordert. Gerade jetzt bräuchten wir eigentlich Zusammenhalt und Austausch, sollten wir gegenseitige Hilfe und Unterstützung sein. Stattdessen wird die eigene Überforderung und Unsicherheit oft so groß, dass Vorwürfe entstehen können:

„Du bist zu streng.“
„Du ziehst dich zurück.“
„Du lässt mich allein.“

Scham und Ohnmacht machen dünnhäutig.

Wenn Eltern beginnen, ihre Haltung zu klären, sich ihrer Werte wieder bewusst zu werden und gemeinsam Präsenz zu entwickeln, entsteht oft auch in der Paarbeziehung wieder mehr Nähe.

Nicht weil das Kind sich sofort ändert oder alles plötzlich „wieder gut“ ist. Sondern weil Klarheit und Gemeinsamkeit entsteht.

Ein erster kleiner Schritt

Vielleicht ist Ihr erster Schritt heute kein großes Konzept. Vielleicht ist es nur dieser Gedanke:

„Ich bin nicht allein mit diesem Gefühl.“

Und vielleicht erlauben Sie sich, Unterstützung zu suchen, bevor die Situation weiter eskaliert.

Nicht aus Schwäche. Sondern aus Verantwortung.

Fazit: Neue Autorität kann ein Weg Raus aus der Scham sein

Scham entsteht dort, wo unsere Werte und unsere Realität auseinanderklaffen. Neue Autorität hilft, diese Lücke zu schließen. Nicht durch Strenge, Strafen und Kontrolle.

Sondern durch Präsenz.
Beharrlichkeit.
Beziehung.
Und Unterstützung.

Und vielleicht beginnt alles mit dem Mut, die Scham nicht länger zu verstecken.

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Wie Elterncoaching eine Unterstützung sein kann schreibe ich hier in meinem Blogartikel “Was ist Neue Autorität und gewaltloser Widerstand für Eltern und Fachkräfte?”

Schreiben Sie mir gerne eine Mail und wir verabreden uns zu einem kostenlosen Telefonat zum Kennenlernen: sona@terlohr-coaching.de

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