Erziehungsberatung oder Elterncoaching – was ist der Unterschied?

Vielleicht sind Sie gerade auf der Suche nach Unterstützung in ihrer Rolle als Eltern, weil es zu Hause nicht rund läuft, weil Gespräche immer wieder im Streit enden. Oder weil Sie merken, dass Grenzen entweder hart durchgesetzt oder erschöpft aufgegeben werden. Wenn man abends im Bett liegt und sich fragt, warum es schon wieder eskaliert ist und, dass man sich so das Elternsein nicht vorgestellt hat oder nie so eine Mutter oder Vater sein wollte. Vielleicht taucht sogar die Angst auf: Bin ich eine schlechte Mutter? Bin ich als Vater schuld? Oder sie fühlen Scham und wissen nicht, an wen sie sich wenden sollen. Dafür ist das Internet eine gute erste anonyme Quelle, um zu gucken, wer kann mir helfen, wohin kann ich mich wenden. Allein dass sie das tun, heißt Verantwortung übernehmen, heißt ins Handeln kommen - sehr gut. Das ist ein erster Schritt. In diesem Artikel erkläre ich die Begriffe „Erziehungsberatung“ und „Elterncoaching“. Beide Angebote versprechen Unterstützung im Familienalltag – doch sie unterscheiden sich in Haltung, Rahmenbedingungen und Zielsetzung. In meiner Arbeit werde ich immer wieder gefragt, worin sich diese beiden Formen der Unterstützung eigentlich unterscheiden.

Was ist Erziehungsberatung?

Erziehungsberatung ist in Deutschland in der Regel an öffentliche oder kirchliche Träger angebunden. Sie ist häufig kostenfrei und richtet sich an Familien mit unterschiedlichen Belastungen. Die Beratung ist oft längerfristig angelegt und kann diagnostische Elemente enthalten. In vielen Fällen werden nicht nur die Eltern, sondern auch die Kinder in Gespräche einbezogen.

Ziel ist es, familiäre Dynamiken zu verstehen, Hintergründe aufzudecken und gemeinsam Lösungswege zu entwickeln. Dabei arbeiten Erziehungsberatungsstellen häufig systemisch, psychologisch oder sozialpädagogisch. Gerade bei komplexeren Themen – etwa bei Verdacht auf psychische Erkrankungen, massiven Verhaltensauffälligkeiten, Trennungssituationen oder starken familiären Konflikten – kann diese Form der Unterstützung sehr wertvoll sein.

Erziehungsberatung hat also ihren wichtigen Platz. Sie ist besonders dann hilfreich, wenn es darum geht, Zusammenhänge differenziert zu betrachten und belastende Muster gründlich zu analysieren. Erziehungsberatungsstellen begleiten Familien dabei bei einem sehr breiten Spektrum an Themen – von alltäglichen Erziehungsfragen bis hin zu belastenden oder traumatischen Erfahrungen.

Was ist Elterncoaching?

Elterncoaching setzt an einem etwas anderen Punkt an. Hier steht weniger die Analyse im Vordergrund, sondern die Stärkung der elterlichen Handlungsfähigkeit.

In meiner Arbeit erlebe ich viele Eltern, die nicht nach einer Diagnose suchen. Sie wünschen sich Unterstützung, um wieder selbst ins handeln zu kommen. Sie sind oft erschöpft und fühlen sich hilflos. Sie möchten aus ständigen Machtkämpfen aussteigen. Sie möchten Grenzen setzen, ohne die Beziehung zu verlieren. Sie möchten nicht, dass ihr Kind „repariert“ wird – sie wünschen sich Orientierung für sich selbst.

Elterncoaching ist in der Regel klar strukturiert, lösungsorientiert und zeitlich überschaubarer. Es geht darum, konkrete Situationen zu betrachten und gemeinsam neue Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln. Dabei arbeite ich auf Grundlage der Neuen Autorität nach Prof. Haim Omer.

Wenn Sie mehr darüber erfahren möchten, was Neue Autorität bedeutet und wie gewaltloser Widerstand im Familienalltag aussehen kann, habe ich das hier ausführlich beschrieben:
👉 Was ist Neue Autorität und gewaltloser Widerstand für Eltern und Fachkräfte?

Der Unterschied zwischen Elterncoaching und Elternberatung

Vielleicht lässt sich der Unterschied so beschreiben:

Erziehungsberatung fragt häufig:
„Welche Ursachen liegen diesem Verhalten zugrunde?“

Elterncoaching fragt eher:
„Wie können Sie als Eltern wieder klar und präsent handeln?“

Beides ist berechtigt, hat aber einen andere Fokus. Während Erziehungsberatung stärker analysiert, stärkt Elterncoaching gezielt die Erwachsenen in ihrer Führungsrolle. Nicht im Sinne von Kontrolle oder Härte, sondern im Sinne von Präsenz, Klarheit und Beharrlichkeit.

Ich erlebe immer wieder, dass Eltern weniger unter dem Verhalten ihres Kindes leiden als unter dem Gefühl, nicht mehr handlungsfähig zu sein. Genau hier setzt Coaching an. An dieser Stelle möchte ich noch einen Unterschied nennen, der mir besonders wichtig ist: Ein Coach ist kein klassischer Berater, der fertige Lösungen vorgibt. Im Coaching geht es darum, gemeinsam Klarheit zu entwickeln. Ich verstehe meine Rolle als strukturierende Sparringspartnerin: Jemand, der zuhört, sortiert, nachfragt, Perspektiven erweitert und dabei hilft, einen realistischen, tragfähigen Plan zu entwickeln. Die Ressourcen liegen bereits bei Ihnen – Coaching unterstützt dabei, sie bewusst zu nutzen und konsequent umzusetzen.

Geht es beim Elterncoaching um konkrete Erziehungstipps?

Manche Eltern verbinden mit „Erziehungsberatung“ die Erwartung, konkrete Anleitungen zu bekommen: Was kann ich tun, damit mein Kind Zähne putzt? Wie reagiere ich auf Trotzanfälle? Wie setze ich Regeln durch?

Öffentliche Beratungsstellen geben durchaus Impulse und Empfehlungen. Ihr Schwerpunkt liegt jedoch meist stärker auf dem Verstehen von familiären Dynamiken als auf schnellen Schritt-für-Schritt-Anleitungen.

Auch im Elterncoaching geht es nicht um Patentrezepte. Jedes Kind und jede Familie ist anders. Statt allgemeiner Erziehungstipps entwickeln wir gemeinsam individuelle, tragfähige Schritte für Ihre konkrete Situation. Dabei entstehen durchaus klare Handlungsimpulse – aber sie sind eingebettet in Ihre persönliche Haltung und Ihre Werte.

Rahmenbedingungen beim Elterncoaching: öffentlich oder privat?

Ein weiterer Unterschied liegt in den organisatorischen Rahmenbedingungen.

Erziehungsberatung ist in der Regel an öffentliche oder kirchliche Träger angebunden und für Familien kostenfrei. Das ist ein großer Vorteil und für viele Situationen absolut passend. Die Beratung unterliegt der gesetzlichen Schweigepflicht und kann auf Wunsch auch anonym erfolgen. Je nach Region können Termine jedoch mit Wartezeiten verbunden sein.

Elterncoaching hingegen findet im privaten Rahmen statt und wird selbst finanziert. Dafür sind häufig kurzfristigere Termine möglich. Auch hier ist die Zusammenarbeit selbstverständlich vertraulich. Sie entscheiden selbst, wer davon erfährt und in welchem Tempo Sie arbeiten möchten.

Elterncoaching: Ein Beispiel aus der Praxis

Eine Mutter kam zu mir, weil die Abende regelmäßig eskalierten. Ihr zehnjähriger Sohn weigerte sich ins Bett zu gehen, Diskussionen zogen sich über Stunden, Türen knallten, am Ende weinte oft jemand – manchmal beide.

In der Erziehungsberatung wäre möglicherweise zunächst ausführlich beleuchtet worden, welche Dynamiken hier wirken, welche Bedürfnisse unerfüllt sind oder welche schulischen Belastungen eine Rolle spielen.

Im Coaching haben wir zunächst an ihrer eigenen Haltung gearbeitet. Wie kann sie eine klare Ankündigung formulieren, ohne zu drohen? Wie kann sie eine Diskussion beenden, ohne sich zurückzuziehen? Wie kann sie am nächsten Morgen eine Beziehungsgeste setzen, obwohl der Abend schwierig war?

Die Situation veränderte sich nicht von heute auf morgen. Aber sie wurde ruhiger und klarer. Und vor allem fühlte sich die Mutter wieder handlungsfähig.

Wie läuft ein Elterncoaching konkret ab?

In einem ersten, unverbindlichen Gespräch klären wir Ihr Anliegen und schauen, ob eine Zusammenarbeit sinnvoll ist. Danach geht es darum, typische Eskalationsmuster zu erkennen: Wo kippt die Stimmung? Welche Sätze führen regelmäßig in den Machtkampf? Welche Werte sind Ihnen eigentlich wichtig?

Ein zentraler Teil ist die Arbeit an Ihrer inneren Haltung. Das bedeutet nicht, immer ruhig zu bleiben oder perfekt zu reagieren. Es bedeutet, bewusst zu handeln statt impulsiv zu reagieren. Wir entwickeln konkrete Schritte für schwierige Situationen, etwa Ankündigungen statt Drohungen, das Prinzip der verzögerten Reaktion oder den Aufbau eines Unterstützungsnetzwerks.

Auch Beziehungsgesten spielen eine wichtige Rolle. Grenzen und Verbundenheit schließen sich nicht aus. Wie das im Alltag aussehen kann, habe ich hier näher beschrieben:
👉 Beziehungsgesten statt Lob

Coaching ist kein Reparaturprogramm für Ihr Kind. Es ist ein Entwicklungsraum für Sie als verantwortliche Erwachsene.

Wann ist Erziehungsberatung sinnvoll – und wann Elterncoaching?

Erziehungsberatung kann besonders sinnvoll sein, wenn:

  • psychische Erkrankungen im Raum stehen

  • massive Gewalt oder Selbstgefährdung auftreten

  • komplexe familiäre Krisen bestehen

  • therapeutische Begleitung notwendig erscheint

Elterncoaching ist häufig dann hilfreich, wenn:

  • wiederkehrende Machtkämpfe zermürben

  • Schulverweigerung oder Aggression belasten

  • Eltern sich erschöpft und unsicher fühlen

  • Klarheit in der eigenen Haltung fehlt

  • konkrete Strategien für den Alltag gewünscht sind

Manchmal schließen sich beide Wege nicht aus. Doch oft ist es hilfreich, sich zu fragen: Brauche ich gerade Analyse – oder Stärkung?

Sie müssen diesen Weg nicht alleine gehen

Viele Eltern zögern lange, bevor sie sich Unterstützung holen. Scham spielt dabei oft eine größere Rolle, als wir zugeben möchten. Dabei ist es kein Zeichen von Schwäche, Hilfe anzunehmen. Im Gegenteil: Es ist ein Ausdruck von Verantwortung. Hier habe ich über die Scham von Eltern geschrieben: Raus aus der Scham – Warum so viele Eltern heimlich leiden

Wenn Sie sich fragen, ob Elterncoaching für Sie der passende Schritt sein könnte, schreiben Sie mir gern eine Mail. In einem unverbindlichen Kennenlerngespräch klären wir, was Sie gerade brauchen und ob ich Sie sinnvoll begleiten kann: sona@terlohr-coaching.de

Manchmal beginnt Veränderung nicht damit, dass das Kind sich anders verhält.
Sondern damit, dass Erwachsene wieder in ihre eigene Klarheit finden.

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Oder per Mail: sona@terlohr-coaching.de

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