KI: Chance oder Gefahr für Elterncoaching?
Letzte Woche habe ich mit Kolleginnen bei unserem Praxistreffen über die Chancen und Gefahren von KI im Rahmen von Therapie, Business Coaching, Elterncoaching und Supervision diskutiert - 6 Expert*innen aus unterschiedlichen Generationen und unterschiedlichen Professionen, alle mit viel Erfahrung und großem Engagement. Die Erfahrungen und Meinungen zum Umgang und Einsatz in therapeutischen und beraterischen Settings könnten nicht unterschiedlicher sein. Ich zeige Dir hier beide Seiten zum Einsatz von KI im Elterncoaching auf und gebe Dir am Ende meine klare Empfehlung.
Welche Chancen bietet KI für Elterncoaching?
KI bietet im Elterncoaching vier konkrete Chancen: Sie überbrückt Wartezeiten und Engpässe, senkt die Hemmschwelle für Eltern, die sich keine Unterstützung zu suchen trauen, dient als Trainingspartner für den Alltag – und hilft Eltern dabei, das Verhalten ihres Kindes besser zu verstehen.
KI als Überbrückung – wenn Hilfe gerade nicht erreichbar ist
Wartezeiten bei Erziehungsberatungsstellen und Psychotherapeut:innen sind lang – und das ausgerechnet dann, wenn man endlich den Mut aufgebracht hat, Hilfe zu suchen. Genau in dieser Lücke kann KI etwas leisten. Nicht als Ersatz, aber als Überbrückung. Eine befreundete Therapeutin hat mir mal gesagt: "Bevor du an einen schlechten Therapeuten gerätst, unterhalte dich lieber mit KI." Ich war echt baff und hatte bisher kaum selbst Erfahrung mit KI – aber je länger ich darüber nachdenke, desto mehr verstehe ich, was sie meint. Eine KI ist immer verfügbar, und sie kann zumindest helfen, Gedanken zu sortieren, bis echte Unterstützung möglich ist.
Der erste Schritt fällt leichter – ohne Scham
Viele Eltern suchen viel zu spät Unterstützung, weil sie das Gefühl haben, als gute Eltern eigentlich alles alleine schaffen zu müssen. Ich habe darüber schon in meinem Artikel 👉 Raus aus der Scham – Warum so viele Eltern heimlich leiden geschrieben – diese Hürde ist real und sie ist groß. KI kann hier ein niedrigschwelliger Einstieg sein: Man tippt seine Gedanken, ohne bewertet zu werden, ohne jemandem gegenüberzusitzen, ohne erklären zu müssen, warum man so lange gewartet hat. Für manche Menschen ist das der erste Schritt, bevor sie sich echte Unterstützung suchen – und das ist gut so.
KI als Trainingspartner für den Alltag
Das ist die Chance, die mich persönlich am meisten begeistert. Im Elterncoaching arbeite ich viel mit dem Konzept der Neuen Autorität, und ein zentrales Element sind die Beziehungsgesten – also kleine, bewusste Handlungen, mit denen Eltern die Verbindung zu ihrem Kind stärken. Klingt schön, oder? Aber wenn du einen 14-Jährigen zuhause hast, der seit Wochen einsilbig ist, dann weißt du, wie schwer es ist, sich in diesem konkreten Moment etwas einfallen zu lassen. Genau hier kann KI helfen: Du beschreibst dein Kind (natürlich ohne persönliche Daten!), seine Interessen, die aktuelle Situation – und bekommst konkrete Ideen, die du ausprobieren kannst. Keine Theorie, sondern Inspiration für den nächsten Dienstag. Was Beziehungsgesten im Sinne der Neuen Autorität sind und was sie bewirken habe ich in diesem Artikel beschrieben 👉 Beziehungsgesten statt Lob
Verstehen, was im Kind gerade passiert
Eltern, die verstehen, warum ihr Kind so reagiert wie es reagiert, können besser begleiten – das zeigt sich immer wieder im Coaching. Und hier kann KI tatsächlich sehr gut erklären: Was passiert im Gehirn eines Jugendlichen bei einem Wutausbruch? Warum braucht ein Grundschulkind so viel Bewegung? Was steckt hinter dem ständigen Lügen? Diese Fragen lassen sich mit KI konkret, verständlich und ohne Fachbuch beantworten. Das ist keine Therapie – aber es ist gute Psychoedukation, die Eltern hilft, mit mehr Verständnis und weniger Reaktivität durch den Alltag zu gehen.
Screenshot: ChatGPT-Antwort auf meine Frage nach Beziehungsgesten für Teenager
Welche Gefahren birgt KI für Elterncoaching?
KI im Elterncoaching birgt drei konkrete Risiken: Sie erfindet Informationen, die sich glaubwürdig anhören, kann Menschen in emotionalen Krisen in eine Negativspirale ziehen – und sie liefert Erziehungstipps, die auf den ersten Blick hilfreich wirken, aber den eigentlichen Kern des Problems nicht berühren.
Ich sage das so klar, weil ich glaube: Nur wer die Risiken kennt, kann KI wirklich sinnvoll nutzen.
Gefahr 1: KI erfindet sich etwas – und klingt dabei überzeugend
KI halluziniert. Das ist ein technischer Begriff dafür, dass KI-Systeme Dinge erfinden, die schlüssig klingen, aber schlicht falsch sind. Falsche Quellenangaben, erfundene Studien, ungenaue Fachbegriffe. Wer sich auskennt, merkt das schnell. Wer sich nicht auskennt, glaubt es einfach. Gerade im Bereich Erziehung und Elterncoaching, wo es viele Meinungen und wenig klare Wahrheiten gibt, ist das ein echtes Problem. KI ist kein Fachbuch und kein Experte – sie klingt nur manchmal so.
Gefahr 2: Wer in einer Krise ist, braucht einen Menschen – keine KI, die nickt
Das ist der Punkt, der mir am meisten Sorgen macht. KI gibt einem recht. Das ist ihr Grundprinzip – sie antwortet auf das, was du eingibst, und sie widerspricht nicht wirklich. Wer also in einer emotionalen Krise ist, wer sich als Elternteil komplett versagt fühlt, wer sich in Ängsten oder Erschöpfung verliert, der kann sich mit KI sehr tief in eine Negativspirale hineinschreiben. Die eigene Sichtweise wird bestätigt, die Gedanken werden größer, und echte Hilfe wird nicht gesucht – weil man das Gefühl hat, schon mit jemandem gesprochen zu haben. Das kann gefährlich werden. Wer merkt, dass es ihm wirklich nicht gut geht, braucht einen echten Menschen und kein Chatfenster.
Gefahr 3: Erziehungstipps statt Haltung – der blinde Fleck von KI
Das ist mein persönlich wichtigster Punkt, weil er direkt mit meiner Arbeit zu tun hat. Ich arbeite mit dem Konzept der Neuen Autorität und der Systemischen Präsenz – und da geht es nicht um Techniken. Es geht um Haltung, um Werte, um Beziehung, um die Frage: Wer will ich als Erwachsener in diesem Moment sein? Wenn Eltern in einer Konfliktsituation schnell ChatGPT fragen, bekommen sie meistens Verhaltenstipps. Konkret, umsetzbar, auf den ersten Blick hilfreich. Aber sie gehen selten an den Kern. Denn KI kann nicht spüren, was in dieser Beziehung eigentlich gerade passiert. Sie kennt weder das Kind noch die Geschichte dahinter noch die Erschöpfung der Eltern. Gutes Erziehungcoaching braucht genau das.
Kurz noch: Datenschutz nicht vergessen
Eltern, die KI nutzen, teilen oft sehr intime Dinge – über ihr Kind, ihre Familie, ihre Erschöpfung. Die wenigsten fragen sich dabei, wo diese Daten landen und wie sie verwendet werden. Das ist kein Grund, KI nicht zu nutzen. Aber es ist ein guter Grund, bewusst damit umzugehen und keine Details zu teilen, die wirklich privat bleiben sollten.
Wie gehe ich persönlich mit KI um?
Ich nutze KI täglich – in meiner Arbeitsvorbereitung, im Coaching und für meine Website. Und ich tue es mit Überzeugung und mit einem Unbehagen. Beides ist wahr, und beides gehört hier rein.
Ich erinnere mich an den Film "Don't Look Up" – in dem alle ignorierten, was am Himmel deutlich zu sehen war. Dieser Film hat mich nicht losgelassen. Denn manchmal fühlt sich die KI-Debatte genauso an: etwas Riesiges passiert gerade, und wir diskutieren noch, ob wir hinschauen sollen. Vieles an KI finde ich unheimlich und undurchsichtig. Wie werden wir beeinflusst? Was passiert mit unseren Daten? Wofür wird diese Technologie eingesetzt, z.B. für Kriegstechnik? Und was bedeutet es, was wenn wahnsinnige weiße Männer die Macht haben? Was kostet uns KI an Energie? Das sind berechtigte Fragen.
Und trotzdem: KI ist da. Sie geht nicht mehr weg – so wie Google nicht mehr wegging, so wie Katzenvideos nicht mehr weggingen. Also kann ich entweder wegschauen oder lernen, damit umzugehen. Ich habe mich für Letzteres entschieden.
Mein Wendepunkt kam im Sommer 2025
Jemand gab mir damals einen Tipp, der alles verändert hat: Sprich mit KI wie mit einer Assistenz. Stell dir vor, ihr sitzt euch am Schreibtisch gegenüber, und du formulierst deine Bitte so, wie du sie einem Mitarbeitenden sagen würdest. Klar, konkret, mit Kontext. Das war für mich der Durchbruch. Vorher hatte ich das Gefühl, ich stelle einer Maschine Fragen und bekomme Antworten, die mich nichts angehen. Danach hatte ich das Gefühl: Ich arbeite mit jemandem zusammen.
Ich nutze sicher nur einen Bruchteil von dem, was möglich wäre. Aber selbst dieser Bruchteil ist eine unglaubliche Arbeitserleichterung. Technische Umsetzungen auf meiner Website, bei denen ich mich früher hilflos gefühlt hätte – heute lasse ich mich Schritt für Schritt durchführen, frage nach, diskutiere Alternativen, probiere weiter. Lästige Fleißaufgaben, die ich immer aufgeschoben habe – zum Beispiel in allen meinen Blogartikeln einen einheitlichen Link-Block zur Newsletter-Anmeldung einzufügen – erledige ich mit KI in einem Bruchteil der Zeit. (Aber die finale Rechtschreibprüfung macht meistens immer noch mein Vater. 🩷)
Was mich wirklich begeistert hat: KI und Bildungsgerechtigkeit
Als ChatGPT aufkam und plötzlich die Schule meiner Kinder in helle Aufregung versetzte, weil Hausaufgaben auf einmal "einfach so" erledigt werden konnten – da hatte ich von Anfang an eine andere Reaktion als viele andere Eltern und Lehrkräfte. Ich fand es hochinklusiv. Endlich hatte jedes Kind eine Unterstützung zuhause, unabhängig davon, ob die Eltern einen Hochschulabschluss haben oder sich Nachhilfe leisten können. Bildung ist damit ein Stück gerechter geworden. Und Hausaufgaben habe ich ohnehin schon immer mehr als Strafe denn als sinnvolles Lernmittel betrachtet – für alle Beteiligten. Dass sich Schule verändert, weg vom reinen Abschreiben und Auswendiglernen, hin zu echten Präsentationen, mündlichen Diskussionen und der tatsächlichen Verteidigung von Inhalten – das finde ich gut. Das finde ich richtig.
Und konkret im Elterncoaching?
Mir ist es wichtig, offen und transparent mit meinen Klient:innen über KI zu sprechen. Ich frage nach ihren Erfahrungen, empfehle KI für konkrete Übungen und sage auch, wo ich Grenzen sehe. Für die Vorbereitung von Coachingstunden nutze ich KI regelmäßig: Ich skizziere meine Stundenidee und frage nach alternativen Methoden, die mir vielleicht gerade nicht eingefallen wären. Ich lasse mir Handouts erstellen oder Tabellen zu einem Thema aufbereiten. Neulich habe ich mit einer Klientin eine Übung zur Findung ihrer wichtigsten Werte in Bezug auf Führung gemacht – und vorher mit KI diskutiert, welche von drei Methoden in welcher Reihenfolge in unsere 90 Minuten passen. Am Ende hat KI mir noch eine Transferübung als Hausaufgabe für ihr Team vorgeschlagen, auf die ich selbst in dem Moment nicht gekommen wäre. Das war wirklich gut.
KI ersetzt bei mir keine Haltung, keine Beziehung, kein Gespür für den Menschen, der mir gegenübersitzt. Aber sie ist eine Assistenz geworden, die ich nicht mehr missen möchte – mit Vorbehalt, mit Neugier und mit offenen Augen.
Fazit: KI im Elterncoaching – Werkzeug ja, Ersatz nein
KI wird Elterncoaching nicht ersetzen. Aber Coaches, die KI ignorieren, werden irgendwann von Coaches ersetzt, die sie sinnvoll nutzen. Das ist meine klare Haltung – und ich stehe dazu.
Was ich dir mitgeben möchte: KI kann Wartezeiten überbrücken, Hemmschwellen senken, als Trainingspartner dienen und Eltern dabei helfen, ihr Kind besser zu verstehen. Sie kann Coaches bei der Vorbereitung unterstützen, Ideen liefern, Routineaufgaben abnehmen. Das ist real, das funktioniert, und ich erlebe es täglich. Gleichzeitig kann KI keine Beziehung aufbauen. Sie spürt nicht, was zwischen Eltern und Kind wirklich passiert. Sie kennt weder die Geschichte noch die Erschöpfung noch die Stärken, die schon da sind und nur gesehen werden müssen. Genau das ist die Arbeit im Elterncoaching – und genau das bleibt menschlich.
Mein Rat: Lerne, KI zu nutzen. Sprich offen darüber – mit deinen Klient*innen, mit Kolleg*innen, mit dir selbst. Frag dich, wo sie dir wirklich hilft und wo du lieber auf dein eigenes Gespür vertraust. Und sei ehrlich, wenn du nicht weißt, wie sich das alles weiterentwickelt – das weiß nämlich niemand so genau.
KI ist da und sie geht nicht mehr weg. Die Frage ist nicht ob, sondern wie wir damit umgehen. Und bis dahin gilt: Die wichtigste Ressource im Elterncoaching bist immer noch du – mit deiner Erfahrung, deiner Präsenz und deiner echten Verbindung zu den Menschen, die du begleitest.
Und jetzt bist du dran: Wie ist das bei dir? Nutzt du KI bereits im Alltag oder im Coaching – oder hältst du noch Abstand? Ich bin wirklich neugierig auf deine Erfahrungen und deine Meinung. Ich freue ich mich sehr über deine Nachricht oder deinen Kommentar auf 👉 Instagram
Oder per Mail:sona@terlohr-coaching.de