Beziehungsgesten, die regulieren: Was passiert, wenn Spielen nicht nur für Kinder ist
Früh am Morgen. Das Weckerklingeln ist unerbittlich.
Aufstehen, anziehen. Noch ist es ruhig, jetzt hätte ich ein wenig Zeit für mich. Aber die nützlichen Dinge wollen zuerst erledigt werden: Frühstück vorbereiten, Brotdosen packen. Dann die Kinder wecken.
Das Wecken ist, wie so oft, ein zäher Prozess. Kann ich gut verstehen. Im Bett ist es einfach viel zu gemütlich. Dem Impuls, mich selbst noch mal dazuzulegen und ein wenig zu kuscheln, gebe ich nicht nach. Stattdessen versuche ich, gute Laune zu versprühen: "Ist so weit, Aufstehzeit!"
In Zimmer eins bekomme ich immerhin einsilbige Antworten. In Zimmer zwei nur Gegrummel.
Kurz danach ein Streit mit dem Bewohner aus Zimmer zwei. Laute Worte, meine und seine.
Kennst du das? Diesen Moment, in dem der Ton kippt, bevor du es selbst richtig merkst. Und danach dieses unangenehme Gefühl im Bauch oder auf der Brust.
Du bist damit nicht allein. Dieses Gefühl kennen viele Eltern, die morgens gegen die Zeit, die Müdigkeit und verschlafene Kinder gleichzeitig ankämpfen. Laut werden ist meistens keine bewusste Entscheidung. Es ist eine Reaktion, die schneller ist als der Gedanke, jetzt deeskalierend reagieren zu wollen. Die Frage ist nur: Was machst du nach dieser Kurzschlussreaktion?
Was danach zählt: Der Reparatur-Moment
Das Interessante an solchen Situationen ist nicht der Streit selbst. Sondern das, was danach kommt.
In der Neuen Autorität nach Haim Omer heißt das, was jetzt zählt, Beziehungsgeste. Sona beschreibt es in diesem Blog so: kleine, konsequente Signale, die sagen "Ich bin da. Ich gebe nicht auf. Auch wenn es gerade schwierig ist." Durch Beziehungsgesten zeigen wir unseren Kindern, dass zwischen uns viel mehr Gutes ist als dieser blöde Streit.
Wiedergutmachung statt Strafe, nennt Omer das. Ich nenne diese Momente gerne Reparatur-Momente. Weil sie genau das tun: den Riss kitten, den ein Streit oder ein Mecker-Ausbruch in die Beziehung reißt.
Der Gedanke dahinter ist einfach, aber er verändert einiges: Beziehung ist das Werkzeug. Sie ist nicht etwas, das wir wegnehmen, wenn sich Kinder nicht so verhalten, wie wir uns das wünschen. Liebesentzug bringt kurzfristig vielleicht Ruhe. Langfristig kostet er Vertrauen. Und Vertrauen, Verlässlichkeit, sowie eine gute Bindung, das ist das, was unsere Kinder brauchen, um sich sicher zu fühlen.
Bindung und Beziehung - was ist der Unterschied?
Bindung wird in der Bindungstheorie als ein relativ dauerhaftes, gefühlsgetragenes Band zu ausgewählten Personen verstanden. Sie entsteht primär in der frühen Kindheit durch wiederholte Erfahrungen von Verfügbarkeit und Feinfühligkeit der Bezugspersonen. So bildet die Bindung eine Art Blaupause für spätere Beziehungen.
Beziehung bezeichnet die Gesamtheit der Interaktionen, Rollen und Vereinbarungen zwischen Menschen (zum Beispiel als Paar, unter Freunden und Kollegen oder auch in der Familie). Die Beziehung ist nicht automatisch tief emotional; man kann eine gute Beziehung haben, ohne stark gebunden zu sein.
Wenn wir also als Eltern über die Beziehungen zu unseren Kindern nachdenken, dann ist das Konzept der Bindung immer mit dabei. Denn wir sind nunmal die Bezugspersonen und wenn wir die Beziehungen zu unseren Kindern sicher, verlässlich und wertschätzend gestalten, entwickelt sich eine gute Bindung. Und damit auch ein tragfähiges Fundament für die späteren Beziehungen, die unsere Kinder eingehen werden.
Wie sieht so ein Reparatur-Moment aus?
Bei mir besteht er meistens aus drei Schritten.
Schritt 1: Anerkennen, was ist.
Ich bemerke, dass gerade etwas aus dem Ruder gelaufen ist. Manchmal spreche ich das auch laut aus. "Ich bin laut geworden." Oder: "Wir haben uns gestritten."
Schritt 2: Entschuldigen.
Ich entschuldige mich bei meinem Kind, sobald ich dazu in der Lage bin. Dann sage ich beispielsweise: "Ich bin laut geworden. Das war unnötig. Das tut mir leid."
Schritt 3: Spielen.
Ja, ganz richtig gelesen. Ich spiele und nehme dafür die erstbeste Spieleinladung, die ich von meinem Kind bekomme, an. Oder ich richte selbst ein Spielangebot an mein Kind. Manchmal reicht ein "Du überholst mich ja doch nicht!" gepaart mit einem verschmitzten Grinsen auf dem Weg zur Haustür. Manchmal ist es fünf Minuten Kissenschlacht, bevor es zum Zähneputzen geht.
Diese drei Schritte müssen nicht unmittelbar hintereinander wie am Fließband abgearbeitet werden. Wir haben es hier mit dem Leben zu tun. Und das läuft bekanntlich anders ab, als man denkt.
Du entschuldigst dich erst, wenn du wirklich dazu bereit bist. Das Eisen schmieden, wenn es kalt ist, heißt es in der Neuen Autorität. Und auch das Spielen kommt erst dann, wenn ihr beide so weit seid. Wenn ihr euch von dem Mecker-Ausbruch oder dem Streit erholt habt.
Warum ausgerechnet spielen?
Das Spielen - genauer gesagt das Bindungsspielen - ist der kindgerechteste Weg, um deinem Kind zu zeigen: Ich sehe dich. Ich nehme dich ernst. Ich bin bei dir.
Kein langes Gespräch, keine Erklärung. Wir Eltern hantieren so viel mit Worten. Und ja, das ist wichtig, damit unsere Kinder später auch die richtigen Worte finden für das, was sie fühlen und ausdrücken möchten. Aber bevor sie all diese Worte kennen, haben sie bereits eine Sprache - das Spiel. Und wenn es uns gelingt, diese Sprache (wieder neu) zu erlernen, dann können wir unsere Kinder besser erreichen, als wir es mit Worten vermögen.
Und das Schöne dabei: Bindungsspiele wirken in beide Richtungen. Sie sorgen nicht nur bei deinem Kind für Entspannung und Behaglichkeit. Sondern auch bei dir.
Was genau sind Bindungsspiele?
Bindungsspiele stärken gezielt die Bindung zwischen Eltern und Kind, durch körperliche Nähe, Blickkontakt und gemeinsame Aufmerksamkeit. Es gibt keine festen Regeln, keinen Sieger und kein Material, das du brauchst - entscheidend ist, dass Nähe und Sicherheit entstehen und Stress bei beiden Seiten reguliert wird.
Das ist auch der Grund, warum ich in meiner Arbeit so viel über Bindungsspiele und Nervensystemregulation spreche. Ein reguliertes Nervensystem ist die Voraussetzung dafür, dass Verbindung (und Beziehungsarbeit) überhaupt wieder möglich wird. Solange du selbst gestresst bist, kannst du deinem Kind noch so viel erklären wollen, es kommt nicht an. Das Spiel ist einer der schnellsten Wege, um euch beide wieder in einen Zustand zu bringen, in dem Beziehung stattfinden kann.
Belohne ich mein Kind nicht für sein schlechtes Verhalten?
Freunde des einfachen kausalen Zusammenhangs mögen nun vielleicht einwenden, dass ein Spiel wie eine Belohnung wirkt. Aber mal ehrlich, soziale Beziehungen unter uns Menschen sind viel zu komplex für einfache Zusammenhänge. Mit dem Spiel reparierst du nur den Riss in eurer Beziehung und zwar ohne deine Position zum eigentlichen Konfliktthema aufgeben zu müssen: Ich spiele mit dir und gleichzeitig möchte ich, dass du dein Zimmer aufräumst.
Nein, du belohnst dein Kind nicht für sein schlechtes Verhalten. Wir sind ständig mit unseren Kindern in Beziehung. Auch dann, wenn wir mit ihnen in Konflikt sind. Die Frage ist vielleicht eher, wie du so einen Konflikt lösen möchtest. Mit Druck und Macht? Frei nach dem Motto "Solange du deine Füße unter meinen Tisch stellst…" Dann brauchst du dir um die gute Beziehung nicht so viele Gedanken machen. Aber womöglich macht sich dein Kind diese Gedanken dann auch nicht.
Was passiert denn, wenn du eines Tages keine Macht mehr über dein Kind hast? Wenn es seine Füße nicht mehr unter deinen Tisch stellt. Was für eine Art von Beziehung führst du dann mit deinem Kind?
Wenn du allerdings einen Konflikt mit Einsicht und Verständnis auf beiden Seiten lösen möchtest, dann ist eine gute Beziehung genau der Weg, der dich zu diesem Ziel führt. Nur wenn dein Kind wirklich spürt, dass du dich bemühst, dann wird es auch verstehen wollen, warum dir bestimmte Sachen wie zum Beispiel ein aufgeräumtes Zimmer wichtig sind. Nur dann kann es bereit sein für einen ehrlichen Kompromiss.
Woher kommt dieser Gedanke?
Dass das Spielen oder irgendeine andere Beziehungsgeste eine Form der Belohnung ist, entstammt übrigens einer Zuckerbrot-und-Peitschen-Weltansicht. In die fallen wir Eltern unter Stress leicht zurück, besonders dann, wenn wir sie als Kind selbst erlebt haben. Und vielleicht sagte eine Stimme in dir "Hat mir ja auch nicht geschadet. Ist ja trotzdem was aus mir geworden."
Ja, die Stimme kenne ich. Und psychologisch betrachtet stecken dahinter gleich drei Denkfallen, in die wir alle tappen.
Die erste heißt kognitive Dissonanz. Stell dir vor, du hast dir mal ein teures Kleid gekauft, das du eigentlich nie richtig gemocht hast. Trotzdem trägst du es und erzählst jedem: Toller Kauf, oder? Zuzugeben, dass es ein Fehlkauf war, tut mehr weh, als es sich einfach schönzureden. Mit schmerzhaften Erfahrungen aus der Kindheit machen wir es oft genauso. Wir reden sie uns schön. Nicht weil es stimmt. Sondern weil es leichter auszuhalten ist als die Wahrheit: Das hat mir wehgetan.
Die zweite ist der Survivorship Bias. Kennst du das, wenn jemand sagt: Meine Oma hat ihr Leben lang geraucht und ist 95 geworden, kann ja nicht so ungesund sein? Genau das passiert hier auch. Du schaust auf deinen eigenen, gut ausgegangenen Fall und schließt daraus: Kann ja nicht so schlimm gewesen sein, ich bin doch okay geworden. Was du dabei übersiehst: all die Kinder, bei denen es nicht so gut ausgegangen ist. Die tauchen in deiner Rechnung gar nicht auf.
Die dritte ist die Systemrechtfertigung. Wenn du lange in einer Firma arbeitest, in der ständig Überstunden gemacht werden, fängst du irgendwann an, das zu verteidigen. Ist doch überall so, gehört eben dazu. Zuzugeben, dass das System nicht in Ordnung ist, würde nämlich bedeuten: Ich habe die ganze Zeit mitgemacht bei etwas, das nicht okay war. Genauso ist es mit Erziehungsmethoden. Sie infrage zu stellen bringt nicht nur unsere Eltern ins Wanken. Es bringt unser eigenes Weltbild ins Wanken. Und das fühlt sich manchmal bedrohlicher an, als einfach weiterzumachen wie bisher.
Aber wie war es denn als Kind wirklich?
Aber versetz dich doch bitte mal in die kindliche Version von dir zurück. Damals, als du noch deine Füße unter den Tisch deiner Eltern gestellt hast. Wie ging es dir da, wenn du mit deinen Eltern Streit hattest? Was hättest du dir von ihnen gewünscht?
Und jetzt stell dir mal vor, was alles hätte sein können, wenn du es bekommen hättest. Inwiefern wäre deine Kindheit und Jugend anders verlaufen? Inwiefern wäre dein Verhältnis zu deinen Eltern anders gewesen? Und was würde das vielleicht sogar mit dem heutigen Verhältnis zu deinen Eltern machen?
Ist das Spielen für Kinder jeden Alters geeignet?
So sehr ich die Bindungsspiele auch liebe und von ihrer Wirksamkeit als Beziehungsgeste überzeugt bin. Eine Einschränkung muss ich dir mitgeben. Und die besteht im Alter deines Kindes. Zwar lassen sich Bindungsspiele immer ganz einfach an das jeweilige Alter eines Kindes anpassen, aber wahr ist auch, dass sich der Fokus unserer Kinder mit der Pubertät verändert. Aus Kindern werden Teenager. Und auf einmal ist die sogenannte Peergroup (Freunde, Klassenkameraden) relevanter als je zuvor. Was aber nicht heißt, dass wir Eltern unwichtig werden. Aber häufig finden uns unsere Kinder nicht mehr so cool wie noch mit 6 Jahren.
Und so wundert es auch nicht, dass Aletha Solter, die Entdeckerin der Bindungsspiele, das Spielen von Bindungsspielen vor allem mit Kindern bis zu 12 Jahren empfiehlt. Zwar sind auch unsere Teenager noch für das ein oder andere Nonsens- oder Machtumkehrspiel zu haben. Aber es fällt nun deutlich schwerer, über das Spielen mit ihnen in Verbindung zu kommen. Heißt also, dass sich dein Repertoire an Beziehungsgesten mit dem Alter deines Kindes anpassen darf.
Zurück zu meinem Morgen
Die Entschuldigung kam an diesem Tag gleich. Für das Spielen blieb an diesem Morgen keine Zeit mehr, also haben wir den Nachmittag genutzt.
Was das Spielen mit mir macht, wenn ich mich wirklich darauf einlasse?
Es ist wie ein kleiner Urlaub von den alltäglichen Pflichten die das Elternleben so mit sich bringt. Es ist fast ein bisschen so wie selbst wieder Kind sein zu dürfen, meinen vollen Fokus auf das was wir gerade machen legen zu können. Und gar keinen Gedanken an irgendwelche Pflichten zu verschwenden. Zum Beispiel an das Abendessen, bei dem ich noch gar keine Idee habe, was es geben wird. Oder an die Wäsche, die schon seit geraumer Zeit fertig ist und auf die Leine gehängt werden will.
Beim Spielen spüre ich Leichtigkeit. Besonders dann, wenn ich mich richtig gut auf den Moment einlassen kann. Dann bin ich im Jetzt. Nicht bei einem der 138 offenen Tabs in meinem Kopf.
In einem bewussten Spielmoment gibt es nur mein Kind (oder beide, falls wir gemeinsam spielen), mich und unser Spiel und alles andere ist vollkommen nebensächlich. Das Spiel bringt mich näher an die Person ran, die ich sein will. Im Spiel muss ich keine fremden Erwartungen erfüllen. Ich muss nicht beweisen, was ich alles kann. Ich muss nicht die Kontrolle behalten. Ich kann einfach so sein, wie ich jetzt gerade bin.
Und vor allem lässt mich das Spiel ganz stark diese besondere Verbindung zwischen mir und meinen Kindern spüren. Spielen wir zusammen, dann kann ich mich deutlich besser in ihre Welt einfühlen. Und das wiederum erleichtert mir das Elternsein ungemein.

Ein hitziger Morgen, ein lauter Streit - und die Erkenntnis, dass der wichtigste Moment erst danach kommt. Ein Gastartikel von Ulrike Wolf über Spielen als Beziehungsgeste.