Präsenz statt Macht: Mein Leitsatz als Elterncoach
Vor ein paar Wochen saß ich abends am Küchentisch und habe versucht, in einem einzigen Satz zu sagen, was ich eigentlich mache. Nicht die Berufsbezeichnung, die du aus meiner Signatur kennst. Sondern den Satz darunter, mit dem ich jemandem, der keine Ahnung hat, kurz und klar erklären kann, was ich kann und so gerne tue.
Ich habe echt eine Weile gebraucht und mehrere verworfene Anläufe. Jetzt steht er da, kürzer als ich dachte, dass er sein müsste:
Präsenz statt Macht.
Drei Wörter sind es, mehr nicht. Klingt fast zu schlicht für das, was in Familien passiert, wenn es kracht. Aber vielleicht ist genau das der Punkt: Es muss nicht kompliziert sein, um zu wirken.
Was bedeutet „Präsenz statt Macht" wirklich?
„Präsenz statt Macht" heißt für mich: nicht mehr Kontrolle, wenn es schwierig wird, sondern mehr Beziehung. Nicht mehr Strafe, sondern mehr Wertschätzung. Nicht ein Machtwort, das von oben durchgesetzt wird, sondern eine Haltung, besonders wenn es richtig schwierig wird. Das ist die Haltung, für die ich seit Jahren stehe und die ich in jedes Coaching mitnehme.
Was das im Alltag heißt, zeigt eine Situation, die mich so beeindruckt hat und an die ich oft denken muss. Ein Vater hat auf dem ersten Elternabend seines Sohnes in der neunten Klasse offen gesagt, dass sein Sohn kifft. Keine Vorwürfe, keine Rechtfertigung, einfach eine Tatsache, die er vor fremden Leuten ausgesprochen hat.
Der erste Impuls des Vaters hätte ganz anders aussehen können:
Sich rechtfertigen oder Vorwürfe abwehren
Beschwichtigen, damit es nicht so schlimm wirkt
Einfach schweigen, um nicht als schlechter Vater dazustehen
Er hat sich für keine dieser Optionen entschieden, sondern für Präsenz: einfach da sein mit dem, was ist. Danach ging es ihm besser, nicht weil das Problem gelöst war, sondern weil die Scham nicht mehr allein bei ihm lag. Genau diesen Moment erzähle ich in einem anderen Artikel über Hilfe holen als Elternteil ausführlicher.
Diese Haltung ist im Kern das, was in der Neuen Autorität beschrieben wird - einem Konzept von Haim Omer. Ich fasse dir die wichtigsten Prinzipien kurz zusammen:
Die Neue Autorität ist ein Ansatz nach Prof. Haim Omer, der Eltern stärkt, auch in schwierigen Situationen präsent, klar und handlungsfähig zu bleiben - ohne Strafe oder Machtkämpfe. Nicht strenger sein. Sondern da sein, wenn es drauf ankommt.
Kernprinzipien:
- Selbststeuerung statt Kontrolle
- Beharrlichkeit statt Eskalation
- Beziehung trotz klarer Grenzen
- Wiedergutmachung statt Strafe
→ Was Neue Autorität konkret bedeutet, erkläre ich hier ausführlich.
Warum ich genau jetzt diesen Satz zu meinem Leitsatz mache
Ich coache Eltern in schwierigen Familiensituationen und schreibe Blogartikel darüber. Wenn du lange genug über ein Thema schreibst, merkst du irgendwann: Du wiederholst dich. Nicht inhaltlich, die Geschichten sind jedes Mal andere. Aber der Kern bleibt gleich. Ich habe lange nach dem einen Satz gesucht, der das auf den Punkt bringt.
Ich habe Varianten ausprobiert. Für meine Instagram-Bio, für meine Mailsignatur, für die Startseite meiner Website. Manche klangen gut beim ersten Lesen und langweilig beim zweiten. Andere waren zu lang, um sie sich zu merken. „Präsenz statt Macht" ist das, was übrig geblieben ist, als ich alles gestrichen habe, was nicht unbedingt sein musste.
Und ehrlich: Der Zeitpunkt ist kein Zufall. Ich lebe diesen Satz doch längst, in jedem Coaching und bei jedem Elterngespräch. Gefehlt hat also eigentlich nicht der Satz, sondern die Klarheit und der Mut, ihn so kurz hinzuschreiben und einfach stehen zu lassen - ohne Fachbegriff davor, ohne Erklärung hinterher. Einfach diese drei Wörter.
Es passt auch deshalb, weil ich selbst gerade in einer ruhigen Phase bin und nicht mitten in einer Krise. In der Neuen Autorität sagen wir oft: Schmiede das Eisen, wenn es kalt ist. Wichtige Entscheidungen triffst du nicht im Streit, sondern davor oder danach, mit klarem Kopf. Genauso ist dieser Leitsatz entstanden, nicht aus einer akuten Situation heraus, sondern an einem ganz gewöhnlichen Abend am Küchentisch.
Was sich ändert, wenn Eltern Präsenz statt Macht leben
Ich kenne die Tage, an denen du denkst: So geht es nicht weiter. Du hast geredet, erklärt, Grenzen gesetzt, dir vorgenommen, ruhig zu bleiben - und trotzdem eskaliert es wieder. Der gleiche Streit, das gleiche Muster und die gleiche Erschöpfung. Das heißt nicht, dass du etwas falsch machst. Es heißt nur, dass du gerade allein nicht weiterkommst.
Ich berate nicht, ich coache. Deshalb kommt hier kein Fünf-Schritte-Plan. Aber ich kann dir sagen, was ich im Elterncoaching bei Eltern beobachte, die anfangen, Präsenz statt Macht zu begreifen und danach zu handeln.
Sie hören auf, jede Grenzüberschreitung sofort mit einer Konsequenz beantworten zu müssen. Sie merken, dass Beziehung nicht verloren geht, wenn sie mal nicht sofort reagieren, sondern erst mal da bleiben. Und sie fangen an, öfter zu fragen statt zu behaupten: Was brauchst du gerade? Oder ganz konkret: Warum kiffst du? Fragen, die bei mir im Coaching immer wieder auftauchen, weil sie viel eher etwas bewegen können als jeder gut gemeinte Ratschlag.
Ich sehe das oft in Erstgesprächen: Eltern kommen erschöpft, weil sie glauben, sie müssten noch konsequenter und noch strenger werden. Und merken erst im Gespräch, dass genau das sie von ihrem Kind wegbringt statt näher heran.
Das ist auch das, was ich im Elterncoaching nach Neuer Autorität mit Eltern erarbeite: nicht mehr Kontrolle, sondern mehr Präsenz. Nicht weniger klar, aber anders klar. Ausgebildet habe ich mich dafür am Institut für Systemische Ausbildung in Weinheim bei Dennis Haase, und was ich dort gelernt habe, steckt heute genau in diesem einen Satz, den ich als Elterncoachin jetzt trage.
Wenn du selbst jetzt vielleicht denkst, dass du aus Macht handelst als aus Präsenz, frage ich dich nicht, was du falsch machst. Ich frage dich: Was würde sich ändern, wenn du heute Abend einmal nicht durchgreifst, sondern einfach da bleibst?
Wie könnte das bei euch zu Hause aussehen?
Wenn du magst, schauen wir uns gemeinsam an, wie das bei euch aussehen könnte. In einem unverbindlichen Kennenlerngespräch hören wir uns an, wo ihr gerade steht, und ich sage dir ehrlich, ob und wie ich helfen kann.

Ein Satz, den ich lange gesucht habe, ohne zu wissen, dass ich ihn suche. Jetzt steht er über allem, was ich tue.