Weltfrauentag 2026: Ich dachte lange, Gleichberechtigung sei selbstverständlich

Wenn mich früher jemand gefragt hätte, ob ich Feministin bin, hätte ich wahrscheinlich gezögert. Nicht, weil ich etwas gegen Gleichberechtigung gehabt hätte – ganz im Gegenteil. Sondern weil ich lange Zeit das Gefühl hatte, dass dieses Thema eigentlich gar keines mehr ist.

Ich bin mit der Selbstverständlichkeit aufgewachsen, dass mir alle Wege offen stehen. Dass ich alles werden kann, was ich möchte. Ich habe Fahrräder repariert, Dinge gebaut, mich frei bewegt und nie daran gezweifelt, dass ich jede Ausbildung machen kann und jeder Beruf für mich möglich ist. Niemand hat mir gesagt: „Das ist nichts für Mädchen.“ Zumindest habe ich es nicht so erlebt.

Dieser Artikel ist mein persönlicher Beitrag zum Weltfrauentag – mit Gedanken über Gleichberechtigung, Erfahrungen aus meinem Berufsleben und Beobachtungen aus meiner Arbeit im Coaching.

Natürlich wusste ich von den Errungenschaften früherer Generationen, von den Kämpfen der Frauenbewegung, von Alice Schwarzer und der Zeitschrift Emma (bevor sie zur „alten weißen Frau“ wurde), von verbrannten BHs und den politischen Debatten der 70er und 80er Jahre. Und ich war immer wieder erstaunt, wie jung viele dieser Errungenschaften eigentlich sind – das Wahlrecht für Frauen, die freie Berufswahl, all das ist historisch betrachtet gar nicht lange her.

Aber trotzdem fühlte sich das für mich sehr weit weg an.

Gleichberechtigung war für mich kein politisches Thema. Sie war einfach da.
Oder zumindest dachte ich das lange.

Erst später – viel später – sind mir Situationen begegnet, die mich innehalten ließen. Keine dramatischen Erlebnisse, keine offenen Diskriminierungen. Sondern kleine Momente, die plötzlich eine neue Perspektive eröffnet haben. Der erste davon liegt viele Jahre zurück.

Erste Irritationen im Berufsleben

Mein erster Job war im Einkauf eines Unternehmens. Wir waren ein junges Team, fast ausschließlich Frauen. Unser Chef war ein guter Chef, wirklich. Wir hatten ein tolles Arbeitsklima, spannende Aufgaben und viel Verantwortung.

Eines Tages saßen wir nach der Arbeit noch zusammen, die Stimmung war locker, und irgendwann begannen wir, über unsere Zukunft zu sprechen – über Träume, Pläne, Ideen für unser Leben.

Unser Chef hörte zu, lächelte – und sagte dann in die Runde:
„Für solche großen Pläne müsst ihr euch aber reiche Männer suchen.“

Das war kein Scherz. Er meinte das ernst.

Das hat mich gelinde gesagt, sehr irritiert. Er wusste doch genau, wie viel Verantwortung wir trugen, mit welchen Summen wir arbeiteten, wie sehr wir uns engagierten – und dass wir für unser Alter bereits ziemlich gut verdienten. Trotzdem blieb bei mir plötzlich der Gedanke hängen, dass mein männlicher Kollege wahrscheinlich mehr verdient als ich.

Eine andere Situation war ähnlich irritierend. Ich saß beruflich in der First Class der Lufthansa, allein unterwegs nach Hongkong. Die Stewardess kam mehrfach vorbei und schaute sich um, als würde sie jemanden suchen.

Schließlich fragte sie mich vorsichtig, ob mein Chef noch kommen würde.

Ich musste lachen und sagte: „Nein, ich fliege allein.“

Sie dachte offensichtlich, ich sei die Sekretärin, die das große Glück hat, ihren Chef begleiten zu dürfen. Und nein – sie hat sich nicht für mich gefreut, dass ich allein auf Geschäftsreise war. Sie behandelte mich den ganzen Flug über eher kühl.

Solche Situationen waren selten, aber ich erinnere sie noch sehr genau.

Die Sache mit der Gehaltsverhandlung

Eine Situation hat mich allerdings wirklich nachdenklich gemacht.

Ich wollte meinen Chef um ein Gespräch bitten, um mein Gehalt zu verhandeln. Tagelang habe ich darüber nachgedacht, wann wohl der richtige Zeitpunkt wäre. Ich beobachtete ihn, wartete auf einen passenden Moment und überlegte mir Argumente.

Dann bekam ich zufällig mit, wie ein Kollege in einer Sitzungspause neben ihn trat, ihm freundschaftlich mit dem Ellbogen anstieß und sagte:

„Mensch, wir müssen uns auch mal unterhalten.“ Zwinkern. Lachen. Das war alles.

Ich war ehrlich gesagt ziemlich verblüfft. Während ich mir seit Tagen Gedanken über den perfekten Moment machte, sprach er das Thema einfach direkt und selbstverständlich an. Ich bin mir ziemlich sicher, dass er damals deutlich besser verhandelt hat als ich.

Dieser kleine Moment hat mir sehr deutlich gezeigt, dass wir manchmal mit ganz unterschiedlichen inneren Voraussetzungen in dieselben Situationen gehen.

Meine erste Begegnung mit der Frauenquote

2018 bin ich bei den Bremer Grünen eingetreten. Und eines der ersten Dinge, die mir dort begegnet sind, war die Quotierung – ein Thema, mit dem ich zu Beginn nicht viel anfangen konnte.

Listenplätze werden dort konsequent quotiert: Platz 1 ist eine Frau, Platz 2 ein offener Platz. Auch Redelisten werden entsprechend geführt. Wenn bei einer Diskussion keine Frauen mehr auf der Redeliste stehen, wird die Debatte beendet.

Am Anfang fand ich das ehrlich gesagt ziemlich befremdlich. Ich dachte: Das ist doch unfair. Nur weil jemand ein Mann ist, darf er seine Meinung doch trotzdem sagen.

Heute sehe ich das differenzierter. Denn ich habe beobachtet, was passiert, wenn solche Regeln konsequent angewendet werden. Plötzlich wird aktiv nach Frauen gesucht. Frauen werden ermutigt, sich zu melden. Wenn klar ist, dass auf einem Podium Frauen sitzen müssen, werden auch Expertinnen gefunden. Wenn Moderationen paritätisch besetzt werden sollen, werden Moderatorinnen entdeckt.

Und plötzlich stehen Frauen häufiger in der Zeitung mit ihren Zitaten.

Sichtbarkeit erzeugt Sichtbarkeit.

Frauen sichtbar machen

Eine Politikwissenschaftlerin hat einmal etwas gesagt, das mir sehr im Gedächtnis geblieben ist.

Männer wählen bei politischen Wahlen häufiger Männer. Frauen dagegen wählen eher nach politischer Position – Männer oder Frauen.

Ihre Schlussfolgerung war so einfach wie klar:

Frauen, wählt Frauen.

Dieser Satz hat mich damals an meine Erfahrungen mit der Quotierung erinnert. Sichtbarkeit entsteht nicht immer von allein. Manchmal braucht sie bewusste Entscheidungen.

Sprache verändert Wirklichkeit

Ähnlich denke ich heute übrigens auch über das Gendern.

Ja – es ist manchmal umständlich. Manchmal klingt es nicht besonders elegant und manchmal nervt es sogar. Aber ich bin sicher, dass wir es tun müssen.

Wir müssen unsere Sprache so lange verändern und manchmal auch damit nerven, bis es selbstverständlich wird, dass alle Menschen darin vorkommen. Sprache prägt schließlich auch unsere Vorstellung davon, wer gemeint ist und wer sichtbar wird.

Und ich sehe das bei meinen Kindern. Dort wird inzwischen ganz selbstverständlich gegendert, Pronomen werden vorgestellt, und viele Dinge, über die meine Generation noch diskutiert, sind für sie einfach normal.

Ich finde es ehrlich gesagt ziemlich faszinierend, das live mitzuerleben – wie sich Sprache verändert und weiterentwickelt. Früher war schließlich nicht alles besser.

Frauen im Coaching und im Business

In meiner Arbeit als Coach erlebe ich heute etwas Ähnliches.

Gerade im Business- und Elterncoaching erzählen mir viele Frauen, dass sie sich bewusst für eine weibliche Coach entschieden haben, weil sie das Gefühl haben, dass sie bestimmte Erfahrungen weniger erklären müssen.

Insbesondere wenn es um Themen wie Führung, Zweifel, Unsicherheit oder berufliche Neuorientierung nach einer Familienphase oder Selbstständigkeit geht, entsteht oft eine besondere Offenheit.

Gleichzeitig fällt mir auf, dass besonders erfolgreiche Frauen häufig bei männlichen Coaches landen. Vielleicht, weil sie von männlichen Kollegen empfohlen werden. Vielleicht auch, weil man ja schließlich „zum Club“ gehören möchte.

Dabei sind gerade erfolgreiche Frauen unglaublich wichtige Netzwerkerinnen für andere Frauen. Zum Glück sehe ich auch hier Veränderungen - Frauen unterstützt Frauen!

Ein Gedanke dazu ist mir gestern begegnet, als ich einen Artikel von Judith Peters gelesen habe. Darin beschreibt sie sehr offen, warum sie bei männlichen Business-Coaches manchmal skeptischer ist – nicht, weil Männer grundsätzlich nichts Wertvolles zu sagen hätten, sondern weil viele Business-Ratschläge aus einer sehr männlichen Lebensrealität heraus entstehen.

Sie schreibt dort über die Bewegung „Decentering Men“ – also die Idee, Männer nicht automatisch ins Zentrum aller beruflichen und gesellschaftlichen Perspektiven zu stellen. Stattdessen geht es darum, Frauen stärker mitzudenken, weibliche Perspektiven ernst zu nehmen und bewusst auch Frauen zu unterstützen.

Ein ganz praktischer Gedanke daraus ist:
Kauft öfter Kurse, Bücher oder Coachings bei Frauen kaufen!

Nicht aus blindem Geschlechterbonus, sondern weil weibliche Perspektiven im Business lange unterrepräsentiert waren. Wenn Frauen Frauen unterstützen, sichtbar machen und auch wirtschaftlich stärken, verändert das Strukturen.

👉 Judith Peters beschreibt ihre Gedanken dazu sehr ausführlich in diesem Artikel:
5 Gründe, warum ich als Frau bei männlichen Business-Coaches skeptisch bin

Themen, über die wir erst anfangen zu sprechen

Auch andere Themen rücken langsam stärker ins Bewusstsein.

Mental Load in Familien zum Beispiel – also die unsichtbare organisatorische Arbeit, die häufig bei Frauen landet. Im Elterncoaching begegnet mir dieses Thema sehr oft, weil viele Mütter erschöpft sind von der ständigen Verantwortung, alles im Blick behalten zu müssen.

Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist ja Gott sei Dank immer öfter ein Thema in Unternehmen, u.a. Dank Sandra Lachmann, die z.B. gerade eine Fortbildung hierzu anbietet: Vereinbarkeits-Werkstatt.

Aber auch ein ganz anderes Thema beschäftigt mich gerade: Führung und Wechseljahre. Darüber wird immer noch erstaunlich wenig gesprochen - immer noch ein Tabuthema? - , obwohl es die Hälfte der Bevölkerung betrifft. Kaum sind viele Frauen beruflich in einer stabilen Phase angekommen und „die Kinder sind aus dem Gröbsten“ raus, beginnt eine neue Veränderung, die ebenfalls Energie kostet und für betroffene Frauen herausfordernd sein kann.

Ich bin überzeugt, dass Unternehmen hier viel gewinnen können, wenn sie dieses Thema offener betrachten– allein schon durch mehr Wissen und Verständnis. Darüber könnte ich und werde ich bald einen eigenen Artikel schreiben.

Sichtbarkeit statt Perfektion

Was mir in meiner Coaching-Arbeit immer wieder auffällt: Viele Frauen zweifeln erstaunlich oft an sich selbst. Immer wieder erlebe ich hochqualifizierte Frauen, die zweifeln, ob sie gut genug sind, ob sie noch die 135. Weiterbildung brauchen. Oder noch ein Zertifikat. Oder noch etwas mehr Erfahrung, bevor sie sichtbar werden, bevor sie endlich gut sind. „Typisch Frau“?

Ich habe mal eine Kurzzeittherapie gemacht, bei der ich am Ende eine Klopftechnik mit dem Mantra: Gut genug! gelernt habe. Ja, sage ich mittlerweile, unbedingt und absolut - gut genug.

Der Blogartikel ist noch nicht perfekt.
Der Kurs noch nicht fertig.
Das Angebot noch nicht rund genug. Ich habe noch nicht genug Berufserfahrung. Die innere Stimme gibt einfach keine Ruh´.

Meine Erfahrung ist: Perfektion ist kein guter Startpunkt. Sichtbarkeit dagegen schon.

Denn wer sichtbar wird, bekommt Rückmeldungen. Wer Rückmeldungen bekommt, kann wachsen und ist in Bewegung. Wenn Du in Bewegung bist, passiert etwas. Kritik kann inspirieren und positive Resonanz motivieren. Es kann auch mal was schiefgehen und schlecht sein - na und, ein Weltuntergang ist es selten, oder? Was wäre das Schlimmste, was passieren kann? Und dann?

Aber wenn wir uns nie zeigen, kann auch nichts passieren.

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Weltfrauentag 2026 – mein Fazit

Und gleichzeitig merke ich immer wieder, wie wenig selbstverständlich Gleichberechtigung eigentlich ist.
Meine Bonustochter postet in ihrer Instagram-Story fast täglich die aktuelle Zahl der Femizide. Das macht so sprachlos, wütend und traurig zugleich.

Und wenn ich über Deutschland hinausblicke, in viele andere Teile der Welt, wird noch deutlicher, wie fragil viele Fortschritte sind bzw. wo sie mit der Gleichberechtigung noch gar nicht begonnen haben. Selbst hier erleben wir wieder einen seltsamen Rollback – Diskussionen, die sich anfühlen, als würden wir wieder über die „3 K“ sprechen: Kinder, Küche, Kirche. Manchmal wirkt das alles wie ein schlechter Science-Fiction-Film, den wir gerade live erleben.

Wenn ich heute auf meinen eigenen Weg schaue, merke ich: Gleichberechtigung ist kein Zustand, der irgendwann erreicht ist und dann einfach bleibt.

Sie entsteht durch viele kleine Entscheidungen und durch Bewusstsein. Wir müssen Gleichberechtigung trainieren:

Frauen ermutigen.
Frauen unterstützen.
Frauen sichtbar machen.

Und manchmal bedeutet das einfach nur, den eigenen Schritt zu wagen – auch wenn noch nicht alles perfekt ist. Oder, um es etwas norddeutscher zu sagen:

Nicht lang schnacken – machen.

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Wie sind deine Erfahrungen mit Gleichberechtigung im Alltag oder im Beruf?

Wenn du Lust hast, mir Feedback zu geben oder dich auszutauschen, freue ich mich sehr über deine Nachricht oder deinen Kommentar auf 👉 Instagram

Oder per Mail: sona@terlohr-coaching.de

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