Damit habe ich als Mutter nicht gerechnet - als mir das Prada-Täschchen egal wurde

Ich war nicht vorbereitet auf dieses Ausmaß an Liebe. Nicht auf das Maß an Sorge, die manchmal fast wehtut. Und auch nicht, wie sehr mich meine eigenen Kinder herausfordern würden, wie sehr sie mich verletzen können. Nur wer so nah ist, kann so verletzen. Nur wer so nah ist, kann so lieben.

Ich hatte kein Bild von mir als Mutter

Was ich mache, das mache ich richtig. 😉 Ich wollte Mutter werden. Also hatte ich mich vorbereitet: Bücher gelesen, einen Geburtsvorbereitungskurs mit meinem Mann besucht, Freundinnen mit Kindern befragt. Ich hatte eine Vorstellung.

Aber ich bin mir nicht mehr sicher, ob ich mich wirklich darauf vorbereitet hatte, Mutter zu sein. Ob ich mir diese Frage überhaupt gestellt hatte. Denn wir reden viel darüber, was wir aufgeben, wenn wir Kinder bekommen, z.B. Schlaf, Freiheit, den eigenen Rhythmus. Was wir dazugewinnen, ist schwerer zu beschreiben. Warum machen wir das überhaupt? Biologisch erklärbar, vielleicht. Weil wir von unseren Kindern geliebt werden wollen? Weil wir uns, und unsere Familie, irgendwie unsterblich machen wollen? Ich kann mein Warum bis heute nicht in Worte fassen. Es war einfach ein klarer, dringender Wunsch. Und gleichzeitig bin ich da etwas schicksalergeben. Es kütt wie es kütt.

Ich bin Einzelkind. Geschwisterdynamiken kannte ich nicht und wie es in einer größeren Familie wirklich abläuft, wusste ich schlicht nicht. Als mein Mann unseren Kindern irgendwann bei einem Gezanke ums letzte Stück vorschlug: eine teilt, eine wählt aus, fand ich das eine geniale Idee. Ich dachte im Ernst, er hätte das gerade erfunden. 😅

Ich war verunsichert, als das mit dem Schwangerwerden nicht so klappte wie erwartet. Und dann war ich auf Geschäftsreise in Meißen und habe einen Schwangerschaftstest gemacht. Er war tatsächlich endlich positiv. Ich saß da, ganz allein, und war unglaublich glücklich. Voller Vorfreude, nervös, gespannt.

Ich war sehr enttäuscht, als die Hausgeburt abgebrochen werden musste und ein Kaiserschnitt notwendig war. Eine Freundin hat damals sehr gelitten nach ihrem Kaiserschnitt: bin ich eine richtige Mutter, wenn ich keine natürliche Geburt hinkriege? Das kenne ich zum Glück nicht. Schade finde ich es trotzdem. Auch wenn mein Beckenboden es mir dankt…

Was ich heute jeder werdenden Mutter sagen würde, wenn sie es wissen wollte: Der erste Tag nach einem Kaiserschnitt ist wirklich schlimm. Man denkt, man wird nie wieder eine Verbindung zum unteren Körper haben. Nimm alle Schmerzmittel, die dir angeboten werden! Am nächsten Tag ist es unvorstellbar besser. Am dritten Tag bin ich nach Hause gegangen. Mit diesem Wissen wäre der erste Tag leichter gewesen.

Mein Bild von mir als “coole Mutter” hatte ich trotzdem: dazu gehörte natürlich der passende Kinderwagen (den hatte ich nicht), die Manduca-Babytrage, die vor 17 Jahren sehr “in” war, auf dem Rücken, beim Wandern und beim Walking-Lauf über 5km; die Kinder entspannt (!) überall hin mitnehmen, in Restaurants, auf Reisen, auf Festivals; Kind im Fahrradanhänger - was heute das Lastenrad ist; und Stillen: so praktisch, auch nachts kein Fläschengedöns und gerade fürs Reisen und Fliegen einfach unschlagbar. Vieles hat gut geklappt, wir sind ein gutes Team! Gleichzeitig erinnert mich der aktuelle Instagram-Trend "btw." an diese Momente, in denen die Realität etwas anders aussah: riesiger Schlafmangel, Hormone, Babyweinen oder ständige Schweißausbrüche.

Worüber ich heute lachen kann

Milcheinschuss und nasse Bluse. Stinkendes, durchweichtes Baby in der Straßenbahn. Der Kampf mit dem Kinderwagen oder der Babyautositzschnalle, der natürlich immer dann eskaliert, wenn man sowieso schon zu spät dran ist. Es gibt so viele stressige und peinliche Momente in meinem Leben, seit ich Mutter geworden bin, und über viele, nicht alle, kann ich mittlerweile sehr lachen: Einmal waren wir mit Kleinkind zum ersten Mal im Stadionbad in Bremen. Ich war entsetzt - das weiß ich bis heute -, dass ich für ein Baby über sechs Monate schon Eintritt bezahlen musste. Zum Abschluss wollten wir das PopUp-Sonnenschutzzelt zusammenpacken. Wir haben es nicht geschafft. Mitten auf der Wiese, gefühlte Stunden und als wäre die versteckte Kamera dabei, haben wir gekämpft. Mein Mann hat das Zelt irgendwann irgendwie geknüddelt und wutentbrannt unter den Arm geklemmt, und wir sind so nach Hause gegangen. Wir haben dasselbe Modell noch zweimal nachgekauft. Es lässt sich wunderbar zusammenfalten, wenn man weiß wie es geht.

Der Alltag, den keiner erwähnt hatte

Mit einem Kinderwagen in eine volle Straßenbahn zu kommen, ist eine Kampfsportart. Das wusste ich vorher nicht.

Und ich wusste nicht, wie viele fremde Menschen uns ständig beobachten und kommentieren würden: Schnuller oder nicht, Babytrage oder Kinderwagen, Stillen oder nicht, fliegen mit Neugeborenem, zu viel Sonne, zu kaltes Wasser. Immer weiß jemand etwas, mit Worten oder Blicken - manchmal auch mit Händen: plötzlich, ungefragt, ein Fremder, der dem Baby über den Kopf streicht oder meinen Babybauch betatscht! Auch unter Müttern ist der Umgang leider oft eher vergleichend als unterstützend. Das kenne ich von mir selbst, musste ich mir irgendwann mal eingestehen. Man ist so überzeugt von irgendetwas, dass man es kaum fassen kann, wenn jemand es anders macht. Nora Imlau hat sich eine kluge Formulierung parat gelegt, für den Moment, wo sie wirklich den Eindruck hat, etwas sagen zu müssen, weil es gefährlich für das Kind ist: "Bisher habe ich das auch so gemacht, aber meine Kinderärztin rät mir jetzt davon ab." Hier findest du den Instagram Post (Stand 28.6.2026)

Das finde ich eine gute Idee, damit man nicht vor Sprachlosigkeit wegschaut, wenn es wirklich nötig ist, und sich auch vorher bewusst zu machen: nur weil es mir nicht gefällt, muss ich es nicht kommentieren. Jede Jeck ist anders!

Und dann kommt auch noch unverhofft das auf dich zu: der Run um einen Kitaplatz, um einen Schulplatz, die Abhängigkeit vom Schulsystem. Der Schulstress, der sich ins Familienleben trägt - Hey, das habe ich mir nicht ausgesucht, das ist doch der Job der Schule, nicht meiner! (Klartext: ich fühle mich für die allgemeine Erziehung zuständig. Und unterstütze gerne, aber Defizite im Schulsystem abzufangen oder das Kind zu überzeugen, oft blödsinnige Aufgaben zu erledigen - das finde ich, sollte echt die Lehrkraft tun, die denkt, dass das so und nicht anders wichtig und richtig ist.) Stattdessen bringt der Schuleintritt eine Fülle an neuen Aufgaben und Learnings zu uns Eltern - damit konnte ich nicht rechnen. Das ist der tägliche Wahnsinn, den wahrscheinlich alle Eltern tagtäglich kennen und der uns Eltern anscheinend so erschöpft, dass Bildung in Deutschland unverändert kein Politikfeld ist, mit dem man sich Lorbeeren verdient. Was wäre es für eine Kraft, wenn Eltern hier gemeinsam wirken würden. (Eine sehr gute und spannende Initiative bietet hier übrigens eine Möglichkeit: https://www.bildungswende-jetzt.de)

Kinder sind in Deutschland oft nicht so wirklich willkommen, das spürt man immer wieder - zu laut, zu störend und immer ist irgendetwas nicht korrekt oder angemessen. Umso schöner ist es, auf Kinderfreundlichkeit zu stoßen - schon in der italienischen Pizzeria, erst recht im Urlaub. Aber eine Ausnahme in Deutschland haben wir erlebt: Unsere Jüngste war sechs Wochen alt, als wir die Sommerferien auf dem Fischland-Darß verbrachten. Kaum kam das Essen, nahm uns das Personal begeistert das Baby aus dem Arm. Damit wir in Ruhe essen könnten. Das erste Mal war ich fast schockiert, so plötzlich und selbstverständlich, da war das Neugeborene schon in der Küche verschwunden, um der Köchin gezeigt zu werden. Beim nächsten Mal haben wir es sehr genossen.

Die Extreme, mit denen ich nicht gerechnet hatte

Ich hätte nie gedacht, dass ich mich so fühlen würde: nie von einem anderen Menschen so beleidigt, so schlecht behandelt. Und gleichzeitig nie so überschwänglich, so bedingungslos, so ohne jeden Zweifel geliebt.

Beides von denselben Menschen.

Mein Gesicht an das Babyköpfchen direkt nach dem Kaiserschnitt. Die ersten Schritte meines Kindes am Strand, auf unserer ersten großen Familienfernreise. Die Taufe der Kinder in Armenien. Ein Kind nach dem Auslandsjahr endlich wieder in die Arme nehmen. Es rührt mich, wenn ich daran denke.

Ich kannte diese Kraft vorher nicht. Die Kraft, weiterzumachen, wenn es drauf ankommt, weil aufgeben keine Option ist. Empathie, die ich so vorher nicht kannte: wirklich mitfühlen, mitfreuen, mitleiden. Und spontane Kreativität, wenn eine Lösung her muss.

Neulich habe ich mit einer Mutter gesprochen, ob wir wohl Kinder bekommen hätten, wenn uns gesagt worden wäre, was uns 14 Jahre später erwartet. Klar, jeder spricht über Pubertät, ich fand es so nervig, diese “Warnungen” und Vorhersagen, und trotzdem hat es uns total kalt erwischt - damit hatte ich nicht gerechnet. Und ja, meine Freundin und ich, wir hätten trotzdem Kinder gekriegt, weil wir den Erzählungen nicht geglaubt hätten, weil ich diese Art von heftigen Gefühlen und Auseinandersetzungen einfach schlicht nicht kannte. Und weil es eben das eine anscheinend mal wieder nicht ohne das andere gibt.

Wir hoffen, dass wir den “imaginären Rucksack” in der Kindheit unserer Kinder pickepacke voll gepackt haben, mit Liebe und Erlebnissen und Freude und Neugier und Mut und Geborgenheit. Nun ist eben die Zeit der Pubertät, und danach schauen wir mal, was noch im Rucksack überlebt hat und freuen uns auf die nächste Phase der Beziehung, zu erwachsenen Kindern.

Irgendwo dazwischen ist etwas anders geworden. Was mir früher wichtig war, zählt heute anders. Das Prada-Täschchen zum Beispiel - total egal. Was stattdessen wichtig ist und warum, habe ich hier in diesem Artikel geschrieben.

Was ich manchmal vermisse

Jedes Jahr über Himmelfahrt fährt mein Mann mit den Kindern zum Camping. Es ist eine Väter-Kinder-Reise und ich bleibe allein zu Hause.

Diese Tage genieße ich sehr. Es ist jedes Mal erstaunlich, wie schlagartig ich in Gewohnheiten zurückfalle, die eigentlich gar nicht mehr wahr sind. TK-Pizza, schlafen wann und wie lange ich will. Im Flow weiterarbeiten, bis man wirklich fertig ist, und Leben, ohne auf Uhrzeiten zu achten.

Ich erinnere mich noch ganz entfernt daran, wie es war, nur für mich selbst verantwortlich zu sein. Wie leicht das aus der heutigen Perspektive aussieht.

Aber es ist ein melancholischer Gedanke, kein Hadern. Ich möchte heute gar nicht mehr shoppen gehen. Ich frühstücke lieber zu Hause als im Café zu brunchen. “Feiern gehen” vermisse ich nicht, lieber ab und zu eine gute Party! Und nach ein paar Tagen TK-Pizza kann ich diese für sehr lange Zeit nicht mehr sehen.

Mach auch du mit bei meiner Blogparade: Damit habe ich als Mutter nicht gerechnet!

Wenn ich einer werdenden Mutter etwas sagen sollte, weil sie mich fragt, würde ich antworten:

  • Alle Schmerzmittel annehmen, die nach dem Kaiserschnitt angeboten werden. Morgen ist es deutlich besser, versprochen.

  • Wochenbett heißt, du kümmerst dich um dich und lernst dein Baby kennen. Alles andere übernehmen andere, wenn es sich irgendwie organisieren lässt. Such dir eine gute Hebamme!

  • Gleichgesinnte suchen (Babykurse!) und jede Unterstützung annehmen, die du bekommen kannst. Auch aktiv nach Unterstützung suchen und bitten.

  • Auf dein Bauchgefühl hören, du bist die Expertin für dein Kind.

  • Du wirst täglich Zweifel haben und Fehler machen, und du kannst jeden Tag neu anfangen und es besser machen.


Schon bei der Geburt beginnen diese Extreme, zwischen Platzen vor Glück und unerträglicher Sorge, zwischen Kraftreserven, von denen ich nicht wusste, dass ich sie habe, und dem Gefühl des Hamsterrades, dem man nie wieder entkommt. Es ist noch immer ein Wunder. Und es ist ein Geschenk.

Damit hatte ich nicht gerechnet, bevor ich Mutter wurde.


Und du? Womit hast du nicht gerechnet?

Dies ist mein eigener Beitrag zu meiner Blogparade, die ich am 19. Juni 2026 gestartet habe. Ich sammle damit bis zum 2. August Geschichten von Müttern - und von allen, die Kinder begleiten - rund um das Thema: Damit habe ich als Mutter nicht gerechnet.

Mach mit und lass uns Cheerleader sein 🎉 - für dich und mich und jede Mutter, der das grad so gut tun würde. Vielleicht hast Du auch nur eine Anekdote zu erzählen, die Du dich noch nie zu erzählen getraut hast?

Im Aufruf zur Blogparade findest du alle Informationen zum Teilnehmen.

Ich freue mich sehr auf deinen Beitrag und bin so gespannt!

Herzlich, Sona

Blogparade – Mach mit!

Womit hast du als Mutter nicht gerechnet?

Erzähl deine Geschichte - als Blogartikel oder direkt in den Kommentaren. Ich freue mich über jeden Beitrag.

Die Blogparade läuft bis 2. August 2026.

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