Alte Autorität, Neue Autorität: Unterschiede und was das für Eltern bedeutet

Sona Terlohr, Elterncoachin für Neue Autorität, lächelnd vor beigem Hintergrund, daneben der Satz 'Wir kämpfen um dich, nicht gegen dich' auf gelbem Textfeld

Eine Mutter saß letztens bei mir im Coaching und sagte: „Ich hab ihm die Konsequenzen angedroht, ich hab geschrien, ich hab ihm sogar das Handy weggenommen. Nichts hat funktioniert." Genau an diesem Punkt erkläre ich den Unterschied zwischen alter Autorität und Neuer Autorität.

Und genau darüber will ich heute mal grundsätzlich schreiben. Nicht nur über die Methode, sondern über die beiden Wörter selbst. Mir fällt in Gesprächen und Kommentaren nämlich auf, wie unterschiedlich Menschen das Wort „Autorität" hören. Für die einen klingt es nach Respekt, nach jemandem, an dem man sich orientieren kann. Für die anderen klingt es nach Schule, nach Strafe, nach „weil ich das sage". Beide haben recht, nur eben zu unterschiedlichen Dingen.

Ich finde das Konzept der Neuen Autorität überzeugend. Trotzdem: Sobald das Wort 'Autorität' fällt, zucken viele zusammen. Nachvollziehbar, wie ich finde - und genau deshalb lohnt sich ein genauerer Blick, was daran eigentlich das Problem ist.

Kurz gesagt:
Alte Autorität setzt auf Macht, Kontrolle und sofortige Strafe. Neue Autorität, entwickelt von Haim Omer und Arist von Schlippe, setzt auf Präsenz, Beziehung und wachsame Sorge. Das Wort „Autorität" ist dabei nicht das Problem, sondern das Wörtchen „alt" davor. Der wichtigste Grundsatz: das Eisen schmieden, wenn es kalt ist, nicht wenn es heiß ist. Das Prinzip lässt sich genauso auf Führung im Job übertragen wie auf die Familie.
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Ist Autorität etwas Schlechtes?

Alte Autorität ist ein Erziehungs- und Führungsstil, der auf Macht, Gehorsam und sofortiger Strafe beruht. Neue Autorität ist das Konzept von Haim Omer, das auf Präsenz, Beziehung und wachsamer Sorge beruht, ohne dabei auf Führung zu verzichten. Beide beantworten dieselbe Frage, nämlich wie ein Erwachsener seine Rolle als jemand ausübt, der führt und Orientierung gibt, nur eben mit entgegengesetzten Mitteln.

Genau deshalb steckt in beiden Namen dasselbe Wort: Omer wollte nicht sagen, dass Eltern diese Rolle aufgeben sollen, so wie es antiautoritäre Erziehung tut. Er wollte sagen, dass sie einen anderen Weg brauchen, sie auszufüllen.

Für mich persönlich klingt „Autorität" erst mal gar nicht negativ. Eine Autoritätsperson ist für mich jemand, den ich ernst nehme, dem ich vertraue, an dem ich mich orientiere. Meine Kinderärztin. Eine erfahrene Kollegin. Der Feuerwehrmann, der im Ernstfall sagt, wo's langgeht. Nichts davon ist Gewalt, im Gegenteil, das ist Respekt und Wertschätzung.

Deshalb sprechen manche Kolleg*innen bewusst lieber von „Systemischer Präsenz" statt von „Neuer Autorität". Für ihre Zielgruppe ist „Autorität" vorbelastet, etwa bei Menschen, die selbst eine sehr strenge Erziehung erlebt haben, oder in Kreisen, die mit Autorität grundsätzlich Machtmissbrauch verbinden. Das ist eine legitime Entscheidung. Ich selbst nutze beide Begriffe nebeneinander, auch in meiner eigenen Positionierung als Systemische Präsenz & Neue Autorität, weil für mich nicht das Wort „Autorität" das Problem ist, sondern das Wörtchen davor: alt.

Nicht die Rolle als Autoritätsperson ist überholt. Überholt ist die Vorstellung, dass diese Rolle über Macht funktionieren muss.

Manche nennen das Konzept deshalb auch „Autorität durch Beziehung" oder „Autorität durch Präsenz", andere „gewaltloser Widerstand in der Erziehung". Alles derselbe Ansatz von Omer, nur mit unterschiedlicher Betonung. „Neue Autorität" betont den Bruch mit dem alten Machtmodell. „Systemische Präsenz" betont die Praxis, um die es konkret geht: präsent bleiben, egal was gerade passiert.

Wie funktioniert alte Autorität in der Praxis?

Alte Autorität funktioniert über Macht. Über das Prinzip „weil ich das sage". „Solange du deine Füße unter meinem Tisch hast, wird gemacht, was ich sage" ist genau dieser Satz, den viele von uns noch im Ohr haben. Der Erwachsene weiß es besser, der Erwachsene bestimmt, und wenn ein Kind nicht hört, kommt die Konsequenz, die Strafe, notfalls die lautere Stimme. Das ist keine böse Erfindung, das ist die Erziehung, mit der die meisten Menschen meiner Generation großgeworden sind, ob zu Hause, in der Schule oder bei den Nachbarn. Bei mir selbst lief die Kindheit anders, dazu komme ich gleich. Trotzdem kenne ich den Reflex gut, aus eigener Erfahrung als Mutter: die Stimme heben, obwohl ich genau weiß, dass es nichts bringt. Der schlummert bei mir bis heute, auch nach Jahren als Elterncoachin.

Das Problem an alter Autorität ist nicht, dass sie aus bösem Willen kommt. Das Problem ist, dass sie bei genau den Kindern am wenigsten funktioniert, die am meisten Führung bräuchten. Je mehr man Macht demonstriert, desto mehr provoziert man Widerstand, Trotz oder Rückzug. Die Mutter aus meinem Coaching hatte das längst erlebt. Sie hatte einfach keine andere Idee mehr.

In ihrer krassesten Form berührt alte Autorität etwas, das die Erziehungswissenschaft „schwarze Pädagogik" nennt, ein Begriff, den Katharina Rutschky 1977 geprägt hat: Gehorsam durch Angst und Demütigung statt durch Beziehung. Nicht jede Portion alte Autorität ist gleich schwarze Pädagogik, das wäre zu pauschal. Aber die Denkrichtung dahinter ist dieselbe: der Erwachsene hat automatisch recht, weil er der Erwachsene ist. Genau das erschreckt mich immer noch, wenn es mir heute, z.B. in der Schule, begegnet.

Ist Neue Autorität dasselbe wie antiautoritäre Erziehung?

Nein, und ich weiß das aus erster Hand, weil ich selbst antiautoritär großgezogen wurde. Ich kam in den 1970er-Jahren in einen Kinderladen, eine Elterninitiative, mit wöchentlichen (!!) Elternabenden, an denen ausführlich über das pädagogische Konzept diskutiert wurde. Klingt nach viel Freiheit, war aber im Alltag oft ziemlich anstrengend, und zwar vor allem für die Eltern. Ich durfte zum Beispiel selbst entscheiden, wann ich ins Bett gehe. Am nächsten Morgen musste ich trotzdem pünktlich in den Kinderladen, todmüde und quengelig, und meine Eltern haben die Konsequenz dieser Freiheit ausgebadet.

Genau das ist der Punkt, an dem Neue Autorität oft missverstanden wird. Wachsame Sorge und Präsenz haben nichts mit Laufenlassen zu tun, wie es der antiautoritäre Erziehung oft unterstellt wird. Auch bei der antiautoritären Erziehung bleibt die Verantwortung der Erziehenden aufgrund von (Lebens-) Erfahrung erhalten, allerdings bekommt die Überzeugung, das Kind reguliere sich von selbst, einen sehr viel höheren Stellenwert.

Alte Autorität nimmt dem Kind die Beziehung weg, im Namen von Kontrolle. Neue Autorität will keins von beidem. Sie sagt: Ich bleibe die Erwachsene, ich setze Grenzen, aber ich tue das aus Beziehung heraus, nicht aus Macht. Struktur und Nähe gleichzeitig, kein Entweder-oder.

Was schlägt Haim Omer statt alter Autorität vor?

Neue Autorität wurde von Prof. Haim Omer entwickelt, einem emeritierten Professor der Universität Tel Aviv, gemeinsam mit dem deutschen Systemiker Prof. Arist von Schlippe. Im englischsprachigen Raum heißt das Konzept NVR, „Non-Violent Resistance", gewaltloser Widerstand. Die Wurzeln liegen tatsächlich bei Mahatma Gandhi, auch Martin Luther King Jr. zählt zu den historischen Vorbildern.

Schon 2004 haben Omer und von Schlippe den Satz geprägt, den ich bis heute fast in jedem zweiten Coaching zitiere: „Wir kämpfen um dich und um unsere Beziehung zu dir, nicht gegen dich." Das ist der ganze Unterschied in einem Satz. Alte Autorität kämpft gegen das Kind, um es in eine Form zu zwingen. Neue Autorität kämpft um das Kind, mit der Beziehung als Werkzeug statt als Verhandlungsmasse.

Neue Autorität heißt nicht, alles laufen zu lassen. Es heißt, präsent und klar zu bleiben, auch wenn gerade nichts läuft wie geplant, ohne dafür Strafe oder Machtkämpfe zu brauchen. Wachsame Sorge statt Kontrolle, nennt Omer das.

Ich nenne es im Coaching gern: da sein, wenn es drauf ankommt, statt strenger zu sein, wenn es drauf ankommt.

Mein Weg zur Neuen Autorität

Omer entwickelte das Konzept der elterlichen Präsenz bereits in den 1990er-Jahren und stellte es 1999 zum ersten Mal in Deutschland vor, am Institut für Familientherapie Weinheim. Genau dort habe ich Jahre später selbst meine Ausbildung gemacht.

Angefangen hat alles schon 2009, mit einer Ausbildung zur Resonanz-Coach mit NLP-Hintergrund, später kam ein Master in Business Coaching & Change Management dazu. Ich habe Jahre in der Erwachsenenbildung gearbeitet, Führungskräfte gecoacht, Gruppenprozesse moderiert. Mit Neuer Autorität selbst bin ich trotzdem erst viel später in Berührung gekommen, und zwar über meine eigenen drei Kinder. Durch Kitas, Schulen und mein Engagement in der Lokalpolitik war ich ständig mittendrin im System Familie und Schule, und zwei der Schulen meiner Kinder haben schon mit Neuer Autorität gearbeitet. Das ist mir aufgefallen, ich fand es beeindruckend, richtig gepackt hat es mich damit aber noch nicht.

Der eigentliche Moment kam bei einem Kaffee mit einer Freundin. Sie erzählte mir, wie ihr ein Elterncoaching bei Dennis Haase geholfen hatte, ganz konkret, in einer Situation, die sie fast zur Verzweiflung gebracht hatte. Ich habe noch am selben Tag angefangen zu recherchieren, bin bei Neuer Autorität gelandet und habe mich kurz danach am Institut Weinheim angemeldet. Mitte 2025 habe ich meine Ausbildung dort abgeschlossen. Nebenbei: auch mein Mann Harald arbeitet als Erzieher, das Thema Erziehung und Beziehung war bei uns also schon vorher nie weit weg vom Küchentisch.

Ursprünglich war Neue Autorität für Familien mit massiven Verhaltensproblemen gedacht, nicht für den ganz normalen Streit am Küchentisch. Dass es heute trotzdem so gut für den Alltag funktioniert, war eher ein Nebeneffekt. Vielleicht liegt genau darin die Stärke des Konzepts. Was für die schwersten Fälle entwickelt wurde, greift bei den kleinen Alltagskonflikten erst recht.

Wenn dich die ganze Geschichte dahinter interessiert: in meinem Fakten-Artikel zur Neuen Autorität habe ich über 40 Fakten zu Omer, von Schlippe und der Entstehung des Konzepts gesammelt. Und was das Konzept in der Praxis konkret bedeutet, habe ich in meinem Grundlagen-Artikel zur Neuen Autorität ausführlicher beschrieben. Warum ich mein Elterncoaching überhaupt nach diesem Konzept aufgebaut habe, erzähle ich hier noch ausführlicher.

Schmiede das Eisen, wenn es kalt ist

Es gibt das alte Sprichwort: Schmiede das Eisen, solange es heiß ist. Sofort reagieren, wenn's gerade brennt. Genau das macht alte Autorität. Sie straft in dem Moment, in dem gerade gestört wird, sie schickt in dem Moment raus, in dem gerade laut widersprochen wird.

Omer dreht diesen Satz um: Schmiede das Eisen, wenn es kalt ist. Warte, bis nichts mehr eskaliert. Und reagiere dann, mit einer Idee statt mit einer Strafe. Ich habe an anderer Stelle schon erzählt, wie eine Schulleiterin genau das mit einem Kind gemacht hat, das als Störenfried galt. Keine Standpauke im Moment des Störens, sondern eine Aufgabe, in Ruhe überlegt, Tage später übergeben. Aus dem Störenfried wurde die Assistenz der Schulleitung.

Diese Frage stelle ich mir seitdem bei jedem „störenden" Verhalten, meinem eigenen eingeschlossen: nicht, was stört gerade, sondern wofür gerade zu wenig Raum ist.

Wie zeigt sich der Unterschied zwischen alter und Neuer Autorität im Alltag?

Alte Autorität Neue Autorität Beispielsatz
Kontrolle über andere Selbstkontrolle der Erwachsenen Statt „Du machst jetzt, was ich sage!" eher: „Ich merke, ich werde laut. Ich geh kurz raus und komm gleich wieder."
Sofort reagieren Bewusst reagieren, „Schmiede das Eisen, wenn es kalt ist." Statt „Wehe, wenn du das nochmal machst!" eher: „Wir reden heute Abend in Ruhe darüber."
Machtkämpfe führen Machtkämpfe vermeiden und beharrlich bleiben Statt „Ich bin hier der Erwachsene, basta!" eher: „Ich diskutier jetzt nicht, aber mein Nein bleibt."
Strafen und Vergeltung Wiedergutmachung ermöglichen Statt „Dafür gibt's Hausarrest." eher: „Wie können wir das wieder gutmachen?"
Distanz und Hierarchie Präsenz, Beziehung und wachsame Sorge Statt „Ich bin dein Vater, kein Kumpel." eher: „Ich bin da, egal was passiert ist."
Befehlston Einladender Ton Statt „Weil ich das sage!" eher: „Ich bleib dabei, und wir finden eine Lösung."
Kind als Problem sehen Kind als Potenzial sehen Statt „Du bist einfach schwierig." eher: „Was steckt gerade dahinter, dass du dich so verhältst?"
Konflikt bleibt unbearbeitet Wiedergutmachung als festes Ritual Statt „Thema erledigt, Punkt." eher: „Lass uns morgen früh nochmal draufschauen, wenn alle ausgeschlafen sind."
Hierarchie, Einzelkampf Netzwerk aus Unterstützern Statt „Das bleibt in der Familie, das geht niemanden was an." eher: „Ich hol mir Unterstützung, eine Freundin, eine Lehrerin, ein Coaching."
Kritikimmun, Scham verstecken Transparenz und Öffentlichkeit, einladende Scham Statt „Ich schäme mich, das darf niemand wissen." eher: „Ich spreche offen darüber, auch wenn es schwerfällt."

Nichts davon heißt, dass du nicht klar sein darfst. Der Unterschied ist nicht, ob du Grenzen setzt, sondern worauf sie beruhen: nicht auf Macht, die dich vom Kind trennt, sondern auf einer Beziehung, die auch nach dem Konflikt noch da ist. Wir kämpfen um dich, nicht gegen dich, das gilt auch für den Moment, in dem du eine Grenze ziehst.

Zwei Zeilen aus dieser Tabelle liegen mir besonders am Herzen: Hierarchie gegen Netzwerk, und Kritikimmunität gegen Transparenz. Beide hängen für mich eng mit einem Gefühl zusammen, das in meinem Coaching fast jede Woche auf den Tisch kommt: Scham. Alte Autorität verlangt, keine Schwäche zu zeigen, das bleibt in der Familie, das geht niemanden etwas an. Neue Autorität macht das Gegenteil: sie geht bewusst in die Öffentlichkeit, holt sich ein Netzwerk aus Unterstützern statt allein zu kämpfen.

Genau hier setzt mein eigener Hintergrund an. 2009 habe ich meine erste Ausbildung zur Resonanz-Coach gemacht, lange bevor ich überhaupt von Neuer Autorität gehört hatte. Resonanz heißt für mich: mit dem Schamgefühl mitschwingen statt es zu bewerten, es einfach mal aussprechen dürfen, ohne dass sofort geurteilt wird. Genau darüber habe ich einen eigenen Artikel geschrieben.

Neue Autorität als Führungsstil

Bevor ich Elterncoachin wurde, habe ich zehn Jahre lang eine Friseurkette mit 30 Mitarbeitenden geführt, als geschäftsführende Gesellschafterin. Autoritär geführt habe ich dabei nie, das war schon damals nicht mein Stil. Ich habe mich eher als Leitplanke verstanden: mein Job war, den Rahmen so zu setzen, dass mein Team seine Arbeit bestmöglich machen kann. Später habe ich als Business-Coachin gearbeitet und bin dabei im Führungskräftecoaching immer wieder auf genau diese Frage gestoßen, welcher Führungsstil eigentlich zu jemandem passt, und Führungskräfte dabei unterstützt, ihre eigene Haltung dazu zu finden, mit Werten statt mit Vorschriften.

Alte Autorität in ihrer reinsten Form habe ich trotzdem erlebt, allerdings nicht als Führungskraft, sondern als Mode-Einkäuferin in einem Konzern, den es heute nicht mehr gibt. Im Nachhinein war das ehrlich gesagt schon am Kantinenangebot abzulesen, das für ein Modeunternehmen ziemlich weit weg vom Zeitgeist war.

Frank H. Baumann-Habersack hat das Konzept der Neuen Autorität in seinem Buch „Mit neuer Autorität in Führung" auf die Arbeitswelt übertragen, mit einem Vorwort von Arist von Schlippe. Das Buch liegt inzwischen in der 3. Auflage vor, seit 2021 unter dem leicht veränderten Titel „Mit transformativer Autorität in Führung". Seine Kernaussage: Stärke statt Macht. Macht führt zur Eskalation, Stärke baut Beziehung auf. Eine Führungskraft, die ständig Kontrolle demonstrieren muss, verliert genau das, was ein Team eigentlich braucht: Vertrauen und die Bereitschaft, sich zu verändern.

Sind klassische, machtbasierte Hierarchien deshalb aussterbende Dinosaurier, wie man in Zeiten von New Work denken würde? Die Zahlen sagen etwas anderes. Für eine repräsentative Studie von Appinio im Auftrag des Murmann Verlags wurden 1.000 Arbeitnehmende befragt: 83 Prozent sagen, dass Entscheidungen in ihrem Unternehmen weiterhin stark von der Hierarchie vorgegeben werden, und 43 Prozent der Führungskräfte siedeln die eigentliche Entscheidungsmacht ohnehin beim höheren Management an, beim Vorstand, der Geschäftsführung oder dem Aufsichtsrat. Nur 13 Prozent der Arbeitnehmenden erleben eine wirklich flache Hierarchie, weitere 28 Prozent eine weitgehend flache. Die klassische Hierarchie ist also kein Auslaufmodell, sie hat sich nur ein moderneres Vokabular zugelegt.

Selbst dort, wo Hierarchie unverzichtbar bleibt, lässt sich der Unterschied zwischen alter und Neuer Autorität beobachten, sogar beim Militär. Die Bundeswehr und die israelische Armee, im selben Land entstanden, in dem auch Omer sein Konzept entwickelt hat, setzen auf sogenannte Auftragstaktik: Vorgesetzte geben nur das Ziel vor und warum es wichtig ist. Wie es erreicht wird, entscheiden die Soldat*innen vor Ort selbst. US-amerikanische und britische Streitkräfte setzen traditionell stärker auf Befehlstaktik: Dort gibt die Führung jeden einzelnen Schritt genau vor. Die Ränge und die Hierarchie an sich bleiben in beiden Systemen bestehen. Verändert hat sich nur, wie viel Vertrauen und Eigenverantwortung innerhalb dieser Hierarchie Platz haben, und genau darum geht es auch bei Neuer Autorität: nicht Führung abzuschaffen, sondern anders auszuüben.

Was für Eltern gilt, gilt für Führungskräfte fast eins zu eins: Präsenz statt Distanz, Beharrlichkeit statt Drohung, Beziehung statt Kontrolle. Genau darum geht es auch in meinem eigenen Angebot zur Coaching-Reflexion der professionellen Rolle, wenn es nicht um ein Kind geht, sondern um ein Team.

Am Ende landen wir wieder bei der Mutter aus meinem Coaching, die dachte, sie hätte schon alles versucht. Sie hatte alles versucht, was zur alten Autorität gehört: drohen, schreien, “Konsequenzen”. Aber was fehlte, war nicht mehr Strenge. Es war eine andere Haltung: nicht gegen ihren Sohn zu kämpfen, sondern um ihn. Das ist der ganze Unterschied zwischen den beiden Wörtern, um die es in diesem Artikel ging.

Häufige Fragen
Ist „Autorität" ein negatives Wort?
Nicht das Wort selbst. Eine Autoritätsperson ist jemand, dem man vertraut und den man ernst nimmt, das ist grundsätzlich positiv besetzt. Negativ ist nicht „Autorität", sondern „alte Autorität" als Praxis: Macht statt Beziehung.
Was ist der Unterschied zwischen alter und Neuer Autorität?
Alte Autorität setzt auf Macht, Gehorsam und sofortige Strafe. Neue Autorität setzt auf Präsenz, Beziehung und wachsame Sorge, ohne dabei auf klare Grenzen zu verzichten.
Ist Neue Autorität dasselbe wie antiautoritäre Erziehung?
Nein. Antiautoritäre Erziehung verzichtet weitgehend auf elterliche Führung. Neue Autorität behält die Führungsrolle bei, übt sie aber über Beziehung statt über Macht aus.
Wer hat Neue Autorität entwickelt?
Neue Autorität wurde von Prof. Haim Omer, einem emeritierten Professor der Universität Tel Aviv, gemeinsam mit dem deutschen Systemiker Prof. Arist von Schlippe entwickelt. Die Wurzeln liegen im gewaltlosen Widerstand von Mahatma Gandhi.
Was bedeutet „das Eisen schmieden, wenn es kalt ist"?
Der Satz stammt von Haim Omer und beschreibt, im Konflikt nicht sofort zu reagieren, sondern zu warten, bis sich die Situation beruhigt hat, und dann mit einer durchdachten Idee statt mit einer Strafe zu antworten.
Gilt Neue Autorität auch außerhalb der Familie, zum Beispiel im Job?
Ja. Frank H. Baumann-Habersack hat das Konzept mit einem Vorwort von Arist von Schlippe auf die Führung von Teams übertragen. Auch hier gilt: Stärke statt Macht, Präsenz statt Kontrolle.

Wo merkst du den alten Reflex bei dir selbst am ehesten, und wo gelingt es dir schon, das Eisen kalt zu schmieden statt heiß?

Ich freue mich über jede Antwort, per Kommentar oder direkt an sona@terlohr-coaching.de.

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Sona Terlohr – Elterncoach
Sona Terlohr

Sona Terlohr, M.A. (sie/ihr)

Elterncoach | Systemische Präsenz & Neue Autorität

ÜBER MICH: Ich begleite Eltern in herausfordernden Familiensituationen mit Klarheit, Beziehung und Haltung. Ich liebe es, echte Gespräche zu führen, die etwas in Bewegung bringen – im Coaching, in Workshops, im Netzwerk. Und hier in meinem Blog. Seit 2025, nach Abschluss meiner Weiterbildung am Institut Weinheim bei Dennis Haase, liegt mein Schwerpunkt auf Elterncoaching nach Neuer Autorität.

Manchmal beginnt Veränderung genau in dem Moment, in dem du aufhörst zu kämpfen – und anfängst, präsent zu sein.

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