Aus dem Störenfried wurde die Assistenz der Schulleitung
Dieser Artikel ist mein Beitrag zur Blogparade von Susanne Burzel: „Erinnerung an eine Lehrkraft, die mich oder mein Kind besonders gefördert hat." Bei einer Blogparade schreiben mehrere Menschen zum gleichen Thema, jeder aus der eigenen Perspektive.
Der Klassenclown, der eigentlich nur unterfordert war
Nervig, besserwisserisch, altklug und arrogant, so haben andere eins von unseren drei Kindern in der Grundschule beschrieben, und ehrlich gesagt hätten wir zuhause manchmal genickt. Es hat die Gruppendynamik durcheinandergebracht, den geplanten Stundenverlauf über den Haufen geworfen, einfach nicht mitgezogen bei dem, was gerade dran war.
Ich kenne diesen Blick von Lehrkräften. Diesen Moment, in dem ein Kind in eine Schublade rutscht, und die Schublade heißt „Störenfried". Von da ist es nicht mehr weit bis zu Problemen, die sich verfestigen, bis zur Pubertät, in der aus Widerstand echte Verweigerung wird.
Bei uns kam es anders. Und das lag an einer einzigen Person: unserer Schulleiterin.
Wie die Schulleiterin aus dem Störenfried eine Assistenz machte
Die Schulleiterin ist nicht in die Schublade „Störenfried" gegangen. Sie hat stattdessen beobachtet und erkannt, dass es andere Aufgaben braucht. Übergreifende Aufgaben, größer als der normale Stundenplan.
Also wurde unser Kind zur „Assistenz". Es hat mitgedacht, organisiert, dafür gesorgt, dass nichts vergessen wird. Wer muss heute noch was gezeigt bekommen, was brauchen wir noch, was steht an. Und das Highlight: Wenn Hospitanten an der Schule waren, Lehramtsstudierende zum Beispiel, hat unser Kind die Schulführung übernommen. Fragen zur Schule und zum Konzept beantwortet, so selbstverständlich, als hätte es diese Rolle schon immer gehabt.
Auch die anderen Lehrkräfte haben mitgezogen. Im Matheunterricht zum Beispiel wurde anerkannt, dass es nicht jede „langweilige" Übungsaufgabe braucht, sondern schneller durch die Themen gehen kann.
Genau in diesen Momenten ist unser Kind aufgeblüht. Es hat seinen wachen, mitdenkenden Geist endlich nutzen können, fühlte sich gefordert, herausgefordert, und hat dafür Anerkennung bekommen. Kein Sonderprogramm auf dem Papier. Einfach eine Aufgabe, die passte.
Der Moment, in dem wir es gemerkt haben
Das Verrückte: Wir hatten bis dahin gar kein Problem (-bewusstsein). Es gab bei uns zuhause noch gar kein Thema. Erst als die Schulleiterin im Elterngespräch von den Sonderaufgaben erzählte, wurden wir überhaupt aufmerksam. Ach so läuft das gerade, dachte ich. Und erst dann haben wir angefangen zu verstehen, was unser Kind eigentlich brauchte.
Seitdem lief die Schullaufbahn etwas mehr im Schnelldurchlauf. Wir haben unterstützt, wenn Routineaufgaben verweigert wurden, statt das als Trotz oder Faulheit zu werten. Und auch der weiterführenden Schule konnten wir von Anfang an einen Hinweis in diese Richtung mitgeben.
Vertrauen statt Kontrolle
Ich glaube, ohne dieses frühe Erkennen hätten wir spätestens in der Pubertät schwere Probleme mit Verweigerung bekommen. So aber wurden wir entspannter. Wir hatten Vertrauen, dass unser Kind das schon richtig macht, in seinem eigenen Tempo.
Nicht immer so sorgfältig, wie wir es erwartet hätten. Nicht immer nach Plan. Aber der Weg ist uns egaler geworden, solange das Ziel klar war und erreicht wurde.
Das ist im Grunde genau das, was ich in meiner Arbeit als Elterncoachin jeden Tag Eltern zurufe: dein Verhalten unabhängig vom Verhalten deines Kindes zu gestalten, Präsenz statt Kontrolle zu zeigen. Die Schulleiterin hat das damals gemacht, ohne dass es diesen Namen brauchte. Sie hat nicht kontrolliert, ob unser Kind sich anpasst. Sie hat ihm eine Rolle gegeben, in der es wachsen konnte.
Was ich daraus für andere Eltern mitnehme
Wenn ich heute mit Eltern spreche, deren Kind gerade in genau so einer Schublade landet, frage ich immer dasselbe: Was sind die Talente, die Neigungen, die Interessen deines Kindes? Und wo gibt es dafür, selbst in einem so starren System wie Schule, trotzdem Wege und Möglichkeiten?
Das ist die Verschiebung, die alles ändert. Weg vom Defizit, hin zum Talent. Nicht: Was stört hier gerade, sondern: Wofür ist gerade zu wenig Raum.
Die Schulleiterin hat das für uns getan, ohne dass wir sie darum gebeten hätten. Dafür bin ich ihr bis heute dankbar.
Und du? Gab es in der Schulzeit deines Kindes, oder in deiner eigenen, jemanden, der genau hingeschaut hat, statt nur zu bewerten?
Ich freue mich, wenn du mir davon erzählst, per Mail oder in den Kommentaren.
Wenn du dir wünschst, dass jemand auch bei dir so genau hinschaut, wenn es zuhause gerade nicht rundläuft: In meinem Elterncoaching begleite ich Eltern mit Systemischer Präsenz und Neuer Autorität, damit aus Konflikten wieder Beziehung wird.
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