Ich schreie mein Kind an — dabei bin ich Elterncoachin
Mit Teenager in Paris 🩷
Die Diskussion läuft. Mein Teenager sagt irgendetwas, das mich sofort triggert und dann schreie ich. Ich bin Elterncoachin. Ich arbeite mit Eltern daran, ruhig zu bleiben, das Eisen kalt zu schmieden, das eigene Verhalten vom Verhalten des Kindes zu trennen. Und trotzdem reißt mir manchmal die Zündschnur. Was mich das gelehrt hat, ist das Eigentliche.
Was habe ich falsch gemacht?
Ich verliere noch immer manchmal die Kontrolle und schreie meinen Teenager an. Mittlerweile selten, aber es passiert. Und ich bin die Person, die anderen Eltern erklärt, wie Deeskalation funktioniert.
Die Diskussion läuft. Ein paar Sätze gehen hin und her, mein Teenager und ich. Ich merke es sogar körperlich: Mir wird warm. Es steigt mir den Rücken hoch. Ich denke noch: Dann eben nicht. Mach deinen Sche… allein. Ich hab keinen Bock mehr.
Und dann kommt irgendwas. Ein Augenrollen. Eine flapsige Bemerkung. Manchmal ein herabwürdigender Kommentar. Und mir reißt die Zündschnur.
(Hier in diesem Blogartikel habe ich ausführlicher über "Konflikte mit Jugendlichen in der Pubertät" geschrieben.)
Ich brülle. "Komm sofort wieder runter!" oder “So nicht!” oder sonst irgendwas dämliches. Oder ich breche in Tränen aus — was sich noch schlimmer anfühlt als das Schreien.
Und danach: Ich sitze weinend auf dem Rand der Badewanne. So eine Mutter wollte ich nie sein.
Was ich nicht tue: Ich werde nicht persönlich. Kein "Du bist immer so", kein "Du bist ja blöd". Das liegt mir wirklich nicht, das ist nichts, was ich wegatmen muss. Aber losbrüllen — das passiert mir noch. Selten, aber es passiert.
Warum habe ich so lange nicht darüber gesprochen?
Weil es nicht zum Bild passt. Elterncoachin sein und gleichzeitig zugeben, dass man selbst noch explodiert, das klingt nach Widerspruch, nach Unglaubwürdigkeit. Ich dachte lange: Das kann ich nicht sagen.
Als meine Kinder klein waren und ich öfter aus der Haut fuhr, hatte ich eine Erklärung parat: Ich bin wenigstens authentisch.
Das stimmt natürlich. Aber "authentisch" war auch eine Ausrede.
Mit guten Freund*innen schreie ich nicht. Nicht einmal, wenn mich etwas wirklich trifft. Und irgendwann habe ich mich gefragt: Warum behandle ich meine Kinder dann schlechter als meine Freunde?
Dieser Gedanke hat sich festgesetzt und er hilft. Ich fühle es, wenn ich mich selbst frage, wie würde ich reagieren, wenn eine Freundin mich jetzt so anblaffen würde?
Als Elterncoachin darüber zu sprechen, fühlt sich trotzdem komisch an. Es klingt nach Widerspruch: Ich arbeite mit Eltern an Deeskalation — und deeskaliere selbst manchmal nicht. Aber genau deshalb schreibe ich das hier. Weil ich glaube, dass dieser Widerspruch ehrlicher ist als jedes glatte Expertenbild und, weil ich eben weiß, wovon ich spreche.
Im Elterncoaching zeige ich Verständnis, Wertschätzung und Anteilnahme für die Anstrengung und Erschöpfung oder Ratlosigkeit von Eltern, weil ich sie kenne. Ich erzähle gelegentlich von eigenen Momenten, in denen ich selbst nicht so reagiert habe, wie ich es wollte. Die Reaktion darauf war fast immer dieselbe: Erleichterung. Die Eltern wirkten, als würden sie durchatmen, nicht weil ich scheitere, sondern weil sie spürten: Die kennt das wirklich. Und sie glaubt, dass sich etwas verändern lässt, durch Beziehung und durch Klarheit. Irgendwann dachte ich: Warum sage ich das eigentlich nur im geschützten Gespräch? Transparenz und Öffentlichkeit gehören zum Konzept der Neuen Autorität, und mit diesem Artikel tue ich jetzt genau das.
Der Wendepunkt: Was ändert sich, wenn du dein Muster kennst?
Ich habe nicht aufgehört loszubrüllen, weil ich eine Technik gelernt habe. Ich habe gelernt, mein eigenes Muster zu kennen, und das hat den Unterschied gemacht.
Ich habe einen Master in Business Coaching. Ich kenne Selbstreflexion als Methode, GFK als Werkzeug, Neue Autorität als Konzept. Aber nichts davon hatte mich vorbereitet: kein Studium, keine Berufserfahrung, keine Reise hat mich so gefordert, so erfüllt und so weiterentwickelt wie die Elternschaft. Ich bin derselbe Mensch wie vor den Kindern, und gleichzeitig habe ich seitdem so viele Erfahrungen, Herausforderungen und Gefühle erlebt, wie mir kein Seminar und keine Theorie bringen konnte. Das hatte ich wirklich nicht erwartet.Es ist das Beste was mir in meinem Leben bisher passiert ist und ich bin sehr, sehr dankbar dafür.
Ich habe diese Methoden live getestet und trainiert, an mir selbst, mit meinen eigenen Kindern, im Bekanntenkreis, im Ehrenamt in Kita und Schule. Und ich weiß, wie anstrengend das alles oft ist. Ich sage das nicht aus der Vogelperspektive, denn ich sitze manchmal noch auf der Badewannenkante.
Und genau da, zwischen Theorie und Küchentisch, liegt das, was ich heute weiß: Mir wird warm, es steigt den Rücken hoch, und in diesem Moment bin ich nicht gesprächsfähig.
Also habe ich mir etwas gebaut: einen Satz, den ich sage, wenn es soweit ist, einen einzigen. Danach gehe ich, oder wortlos, ohne Satz. Beides ist besser als zu explodieren.
Das Gespräch, das ich 30 Minuten später führe oder erst am nächsten Tag, hat immer zu einem besseren Ergebnis geführt als das, was ich im heißen Moment gesagt hätte. Das ist Neue Autorität in der Praxis: das Eisen schmieden, wenn es kalt ist, dein Verhalten unabhängig vom Verhalten des Kindes.
Was hat sich dadurch verändert — und was kannst du daraus mitnehmen?
Du wirst nicht plötzlich ein anderer Mensch, und das ist auch nicht das Ziel.
Das Ziel ist Muster-Wissen, und das kannst du dir aufbauen.
Was passiert in dir, kurz bevor es eskaliert? Wird dir heiß oder kalt? Kribbelt dir die Kopfhaut, spürst Du, wie sich dir dein Magen zusammenzieht? Ziehst du dich zurück oder drehst du auf? Gibst du nach um des Friedens willen und spürst danach die Wut darüber?
Wer das von sich weiß, hat einen Ausgangspunkt, keinen generischen Ratschlag, der für alle gilt, sondern einen ersten konkreten Schritt, der zu genau diesem Muster passt.
Das gilt übrigens genauso für Fachkräfte, Lehrkräfte, Erzieher*innen, alle, die täglich mit Kindern arbeiten und sich fragen, warum sie manchmal reagieren, wie sie reagieren. Das Muster ist das Gleiche, der Einstieg auch.
Das Geständnis war unbequem — aber ehrlicher als jedes Expertenbild
Auf der Badewannenkante ist die Scham noch da. Aber direkt daneben ist jetzt auch etwas anderes: Ich kenne mich. Ich weiß, was mich triggert. Ich weiß, wann ich nicht reden sollte. Ich habe mir einen Ausweg gebaut — und ich nutze ihn.
Wenn dich das Thema Scham als Elternteil beschäftigt, lies auch: "Raus aus der Scham – Warum so viele Eltern heimlich leiden”.
Das macht mich nicht zur perfekten Mutter, niemand ist perfekt und alle Eltern machen tagtäglich zig Fehler. Aber es macht mich zu einer ehrlichen Elterncoachin.
Und vielleicht ist das die ehrlichste Antwort auf die Frage, warum ich diesen Beruf überhaupt mache: nicht weil ich es perfekt kann, sondern weil ich weiß, wie schwer es ist.
Elternschaft ist das Anstrengendste, was ich kenne, und gleichzeitig das Beste, was mir bisher passiert ist. Vielleicht ist genau das der Grund, warum mich kein Seminar und kein Studium so weitergebracht hat wie sie, weil hier wirklich etwas auf dem Spiel steht.
Wo drückst du dich vielleicht gerade selbst, etwas zuzugeben?
Wenn du wissen willst, wohin du unter Druck tendierst — ob du eruptierst, dich zurückziehst, nachgibst oder mehr Druck einsetzt — hier geht's zum Quiz: Konfliktmuster. Das Quiz für Eltern.
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