Klammern, seit das Geschwisterchen da ist? Wie ich eine Mutter in meinem Coaching begleitet habe
Neulich sitzt eine Mutter bei mir und erzählt von ihrer Tochter, acht Jahre alt. Seit das Geschwisterchen da ist, klammert das große Mädchen förmlich an ihr. Kein Gang zur Toilette ohne Begleitung, kein Telefonat ohne Unterbrechung. Und abends, beim Einschlafen, beginnt jedes Mal dieselbe Diskussion von vorne: noch ein Buch, noch fünf Minuten, bitte bleib doch noch da, einschlafen geht nur händchenhaltend.
Die Mutter ist erschöpft. Nicht, weil sie ihre Tochter nicht liebt, sondern weil sie das Gefühl hat, keinen einzigen ruhigen Moment mehr zu haben, seit sie zwei Kinder unter einen Hut bringen muss.
Vielleicht kommt dir das bekannt vor.
Warum klammert mein Kind, seit das Geschwisterchen da ist?
Klammern klingt nach Anhänglichkeit, die man einem Kind abgewöhnen sollte. Aus Sicht der Neuen Autorität und systemischen Präsenz ist es etwas anderes: ein Kind, das sich seiner Bindung gerade nicht sicher ist, sucht sich die Nähe, die es braucht, auf die einzige Art, die es kennt. Bei einer Achtjährigen, deren Geschwisterchen gerade viel von der elterlichen Aufmerksamkeit bindet, ist das keine Marotte. Das ist eine Frage, die sie nicht ausspricht: Reicht die Liebe noch für mich?
Wachsame Sorge, ein Tool der Neuen Autorität, heißt in diesem Zusammenhang: hinschauen, ohne bewerten. Nicht „sie klammert, weil sie verwöhnt ist oder weil ich mich nur mal endlich richtig durchsetzen müsste", sondern „ihr fehlt gerade etwas, und ich will herausfinden, was das ist".
Die Eifersucht, die niemand laut ausspricht
Geschwistereifersucht wird oft weggewischt. „Ihr habt euch doch alle lieb" ist gut gemeint, hilft aber niemandem. Ein achtjähriges Kind merkt sehr genau, dass die Kleine gerade mehr Körperkontakt, mehr Stillen, mehr besorgte Blicke bekommt. Das muss nicht unfair sein, ein Baby braucht nun mal mehr Versorgung. Für das große Kind fühlt es sich trotzdem wie ein Verlust an.
Systemisch gedacht braucht jedes Kind im Familiensystem seinen eigenen, unverwechselbaren Platz. Nicht die gleiche Aufmerksamkeit wie das Geschwister, sondern die passende.
Warum bringen Abend-Diskussionen so wenig?
Der Abend ist der schlechteste Moment für Grenzen. Das Kind ist müde, du bist müde, und jede Diskussion über „nur noch fünf Minuten" wird zum Kräftemessen. Wer nachgibt, hat das Gefühl, verloren zu haben. Wer hart bleibt, fühlt sich wie die schlechteste Mutter der Welt.
Genau das beschreibt ein Grundgedanke der Neuen Autorität nach Prof. Haim Omer , der das Konzept mitentwickelt hat: nicht im Moment der größten Eskalation verhandeln, sondern vorher, in Ruhe, einen klaren Rahmen setzen. Ich fasse das für mich immer so zusammen: das Eisen schmieden, wenn es kalt ist, nicht wenn es glüht.
Sprich mit deiner Tochter über das Zubettgehen nicht um 20 Uhr, wenn der Kampf schon läuft, sondern am Nachmittag, in Ruhe, ohne Publikum und ohne Zeitdruck. Kündige an, was passiert („Ich lese ein Buch vor, gebe dir einen Kuss, dann gehe ich raus"), statt es abends neu zu verhandeln. Und wenn die Diskussion trotzdem losgeht: du musst nicht jedes Argument beantworten. Ruhig bleiben, bei der Ankündigung bleiben, das reicht.
Neue Autorität – kurz erklärt
Die Neue Autorität ist ein Ansatz nach Prof. Haim Omer, der Eltern stärkt, auch in schwierigen Situationen präsent, klar und handlungsfähig zu bleiben – ohne Strafe oder Machtkämpfe. Nicht strenger sein. Sondern da sein, wenn es drauf ankommt.
Kernprinzipien:
- Selbststeuerung statt Kontrolle
- Beharrlichkeit statt Eskalation
- Beziehung trotz klarer Grenzen
- Wiedergutmachung statt Strafe
→ Was Neue Autorität konkret bedeutet, erkläre ich hier ausführlich.
Beziehung aufladen, bevor der Kampf beginnt
Wer nur in Konfliktmomenten Aufmerksamkeit bekommt, sucht sich noch mehr Konfliktmomente, um überhaupt gesehen zu werden. Deshalb setzt die Neue Autorität auf Beziehungsgesten: kleine, bewusste Momente der Nähe, kleine Gesten der Liebe oder Versöhnung, die nichts mit Erziehung oder Verhandlung zu tun haben - die von Herzen kommen.
Für die Achtjährige könnte das eine feste Viertelstunde sein, vielleicht, wenn es geht, jeden Tag zur gleichen Zeit, nur mit ihr, ohne die kleine Schwester. Kein Erziehungsgespräch, kein „Wie war die Schule", einfach da sein und tun, was sie sich wünscht. Vorlesen, ein Spiel, auf dem Boden sitzen und nichts Besonderes tun.
Bei der Mutter aus meinem Coaching sah das am Ende ganz konkret so aus: jeden Abend um 19 Uhr, sobald die Kleine im Bett lag, haben die beiden zehn Minuten auf dem Teppich im Kinderzimmer mit den Kuscheltieren „Familie" gespielt. Die Tochter hat bestimmt, wer welche Rolle bekommt, die Mutter hat einfach mitgespielt. Kein Handy in der Hand, kein Blick zur Tür. Nach ein paar Tagen hat die Tochter selbst angefangen zu fragen: „Ist gleich unsere Zeit?"
Andere Ideen wären z.B. ein kurzes Spiel (Skip.bo geht auch mit 10 Karten!), Vorlesen oder etwas kreatives wie basteln oder malen. Manche mögen auch ihr Stickerheft zeigen oder gemeinsam ein Sudoku lösen? (Habt ihr noch weitere “Quick-Tipps”? Gerne in die Kommentare ☺️)
Das klingt banal. Ist es aber nicht, weil es genau die Frage beantwortet, die hinter dem Klammern steckt: Bin ich dir noch genug?
Wenn diese Viertelstunde am Tag schon feststeht, klammert ein Kind abends spürbar weniger. Nicht, weil das Problem verschwunden ist, sondern weil der Hunger nach Nähe schon vorher gestillt wurde.
Und wer ist für dich da?
Ein Teil des Problems in dieser Geschichte war gar nicht die Tochter. Es war, dass die Mutter die einzige war, an der geklammert wurde. Abends, nachts, beim Einschlafen, immer sie.
Neue Autorität ist ausdrücklich kein Konzept für Einzelkämpferinnen. Ein Grundpfeiler ist das Unterstützungsnetzwerk: andere Erwachsene, die einspringen, damit nicht eine Person allein für alles zuständig ist. Ist da ein Partner, eine Oma, ein Pate, die abends öfter übernehmen können? Nicht, weil du versagst, wenn du das brauchst, sondern weil kein Kind gesund an nur einer einzigen Bezugsperson kleben sollte, und keine Mutter das auf Dauer aushält.
Bei dieser Familie hat der Vater ab sofort dienstags und donnerstags die komplette Abendroutine der Kleinen übernommen: baden, Schlafanzug, Fläschchen, während die Mutter sich in dieser Zeit nur um die Große gekümmert hat. An den übrigen Tagen blieb alles beim Alten. Zwei feste Abende in der Woche haben schon gereicht, damit die Mutter wieder Luft bekommen hat.
Was du diese Woche ausprobieren kannst
Falls du in dieser Geschichte etwas von dir wiedererkennst, hier die vier Dinge, mit denen ich in einer solchen Situation als Erstes ansetzen würde:
Eine feste Viertelstunde am Tag, nur für das größere Kind, ohne Ausnahme und ohne Handy nebenbei.
Das Gespräch über das Zubettgehen tagsüber führen, ruhig und ohne Vorwurf, nicht abends im Streit.
Abends ankündigen statt verhandeln: kurz, klar, wiederholbar, ohne jedes Argument zu beantworten.
Eine zweite Bezugsperson für die Abendroutine einplanen, mindestens zwei- bis dreimal pro Woche.
Ob es bei euch am Ende leiser wird, weiß ich nicht. Jede Familie tickt anders, und eine Achtjährige braucht nicht überall dasselbe wie die nächste. Aber die Reihenfolge ist fast immer gleich: erst die Beziehung auffüllen, dann kannst du deine Grenzen zeigen und setzen, ohne dass sie wie Liebesentzug wirken.
Wenn du gerade selbst mittendrin steckst und nicht weißt, wo du anfangen sollst: genau für solche Situationen ist mein Elterncoaching nach Neuer Autorität da. Wir schauen uns eure konkrete Situation an, nicht ein Lehrbuch-Kind. Wenn du magst, buch dir ein unverbindliches Kennenlerngespräch , dann sehen wir gemeinsam, wo der nächste Schritt liegt.
Und du: Woran merkst du bei deinem Kind, dass es gerade nicht um Erziehung geht, sondern um die Frage, ob die Liebe noch reicht? Schreib es mir gerne hier unten in die Kommentare oder persönlich an mich.
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Ein Satz, den ich lange gesucht habe, ohne zu wissen, dass ich ihn suche. Jetzt steht er über allem, was ich tue.